Andreas Gryphius: Gedichte

 

«Einsamkeit»

IN diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten /
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See:
Beschau’ ich jenes Thal und diser Felsen Höh’
Auff welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.
Hir / fern von dem Pallast; weit von des Pövels Lüsten /
Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’
Wie / auff nicht festem Grund’ all unser Hoffen steh’
Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag uns grüßten.
Die Höl’ / der rauhe Wald / der Todtenkopff / der Stein /
Den auch die Zeit aufffrist / die abgezehrten Bein.
Entwerffen in dem Mutt unzehliche Gedancken.
Der Mauren alter Grauß / diß ungebau’te Land
Ist schön und fruchtbar mir / der eigentlich erkant /
Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.
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«Es ist alles eitell» (Prediger 1,2)

Du sihst/ wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund Staedte stehn / wird eine Wisen sein
Auff der ein Schaefers-Kind wird spilen mitt den Herden.
Was itzund praechtig blueht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /
Nichts ist das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Jtz lacht das Glueck vns an / bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein traum vergehn.
Soll den das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn.
Ach! was ist alles diß / was wir für koestlich achten/
Als schlechte Nichtikeitt / als Schatten / Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!
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Auff den Sontag deß ernehrenden Versorgers/oder
VII. Sontag nach dem Fest der H. Dreyeingkeit/
Marc. 8.

Wenn gleich kein Mittel wär’/ und aller Trost verschwinde:
Und ich ohn Hülff und Trost nur ungepflügtes Land
Und gar nicht fruchtbar Holtz/ und öder wüsten Sand
In höchster Hungers-Noth für meinen Augen fünde:
So zag‘ ich dennoch nicht. Denn könt auch seinem Kinde
Der vor vier tausend Mann hier Brodt und Speise fand
Und überbleiben ließ? Verschliessen Hertz und Hand?
Drumb ists umbsonst/ daß ich mich selbst mit Sorgen binde!
Nicht ohn ists/ ich bin arm/ und mit viel Angst beschwert
Doch weiß ich: wer nur stets zu Gott die Sinnen kehrt
Den gantz kein Sünden Netz/ kein Zweifel-Strick kan fangen:
Der gutt’s zu thun sich müht: der Christum fleissig hört
Und Ihn mit fester Treu‘ und reinem Leben ehrt/
Wird/ was er darff und wil/ mit Ueberfluß erlangen.