Interview mit einem Zeitzeugen

Herr Gottschlich beantwortet die Fragen von Emily L.

 

Emily: Wie heißen sie?

Herr Gottschlich: Günther Gottschlich.

Herr Gottschlich: Ich kam 1949 aus Mähren im heutigen Tschechien nach Trutzhain, war aber vorher schon ein paar mal dort, da mein Vater schon 1948 nach Trutzhain zog.

Emily: Welche Menschen sind nach Ende des 2. Weltkrieges nach Trutzhain gekommen?

Herr Gottschlich: Vor allem Vertriebene, Evakuierte und Flüchtlinge, ein paar Aussiedler waren auch dabei. Die meisten Menschen kamen aus dem heutigen Tschechien oder aus dem ehemaligen Ostpreußen, Pommern und Brandenburg.

Emily: Wie wurden die Menschen von den Einheimischen aufgenommen?

Herr Gottschlich: Es war verschieden. Einige Leute, vor allem die, die rund um Oberurf lebten, nahmen uns sehr freundlich auf. Andere waren nicht so nett und weigerten sich uns aufzunehmen, ließen sich nichtige Ausreden einfallen, weswegen sie es nicht können. Ein Bauer streute sogar extra Stroh, um die Ausrede zu haben, der Platz sei für seine Tiere gedacht.

Emily: Gab es Konflikte, zum Beispiel Differenzen in Konfession oder Sprache?

Herr Gottschlich: Am Anfang waren die Konflikte zwischen den Konfessionen sehr ausgeprägt. Der einzige Lehrer, den wir damals hatten, benachteiligte, meiner Meinung nach, immer meine evangelischen Mitschüler. Später kam noch ein evangelischer Lehrer hinzu, dann war das Problem in der Schule  nicht mehr so schlimm. Im Allgemeinen wirkte es auf Außenstehende aber nicht unbedingt so, als gäbe es überhaupt einen Konflikt. Das lag unter anderem daran, dass es in Trutzhain von Beginn an zwei Kirchen gab, eine katholische und eine evangelische. Sprachlich gab es keine Probleme, da jeder deutsch sprechen konnte.

Emily: Welche Möglichkeiten (z. B. Hobbys) gab es für Erwachsene und Kinder in Trutzhain?

Herr Gottschlich: Durch die katholische Kirche hatten wir guten Kontakt mit Steina, wo wir deshalb auch die Schule besuchen konnten. Außerdem wurde 1951 ein Sportverein gegründet, wo unter anderem Fußball, Kunstradfahren, Gymnastik und Kinderturnen angeboten wurden. Wir hatten sogar eine eigene Sporthalle, die aus einer ehemaligen Sauerkrautfabrik entstand. Zur selben Zeit wurde auch die Feuerwehr gegründet in der sich vor allem  die Jungs gerne aufhielten. Auch waren alle katholischen Jungs Messdiener, später auch die Mädchen. Und wir hatten unseren eigenen „Badesee“ im Feuerwehrteich.

Emily: Was haben die Menschen dabei empfunden, einen Neubeginn auf dem Gelände eines ehemaligen Lagers zu starten?

Herr Gottschlich: Zuerst einmal waren sie sehr froh, dass sie nach der Ungewissheit endlich wieder ein Dach  über dem Kopf hatten, und sei es in einer Baracke. Denn es bestand auch die Möglichkeit diese zu kaufen. Mein Vater kaufte eine für 8000 D-Mark. Aber es bestand auch die Möglichkeit diese zu mieten. Der Vermieter war der Kreis. Die älteren Leute hofften, dass sie in die alte Heimat zurück kehren könnten, aber es wurde allen früher oder später klar, dass das nicht passieren wird.

Emily: Wie waren Häuser/Baracken aufgebaut?

Herr Gottschlich: Sie waren wie die Fachwerkhäuser aufgebaut, die es ja in der Schwalm öfter gibt. Außerdem war an der Außenfassade Schwemmstein ein wichtiger Bestandteil. Innen waren Heraglithplatten befestigt, auf denen man dann ganz normal streichen oder tapezieren konnte. Ein Raum war meist nicht größer als 25 Quadratmeter. In den Häusern gab es alle Einrichtungen, die es sonst auch gibt, nur kein Bad. Baden musste man im Dorfgemeinschaftshaus oder im Feuerwehrteich. Mittlerweile gibt es aber Bäder in allen Häusern :-). Außerdem haben wir nie gefroren, da die Trutzhainer Kistenfabrik immer Späne zum Heizen zur Verfügung stellte. Dort konnte man sich so viele nehmen wie man wollte.

Emily: Wie sah für die Kinder das Leben unmittelbar nach Kriegsende aus?

Herr Gottschlich: Für uns Kinder war es so, dass alles wie ein großer Abenteuerspielplatz auf uns wirkte. Unser Dorf war mit Stacheldraht umgeben und ein ehemaliges Lager, es gab in der Nähe einen Wald und außerhalb der Schule gab es für uns in der frühen Zeit Trutzhains keine besonderen Hobbys, was bedeutete, dass wir sehr viel Freizeit hatten. Unsere Eltern arbeiteten und wir kundschafteten die Gegend aus.

Emily: Welche Parteien gab es in der Nachkriegszeit im Schwalm-Eder-Kreis?

Herr Gottschlich: 1951 bildete sich in Trutzhain die SPD und es gab sogenannte Bürgerlisten aus denen dann später die CDU in Trutzhain wurde. Andere Parteien wurden in Trutzhain erst später vertreten.

Emily: Wie gehen die Menschen heute, 60 Jahre nach Kriegsende, ihrer Meinung nach, mit der Geschichte Trutzhains um?

Herr Gottschlich: Fahrlässig, sehr fahrlässig. Ich verstehe nicht wie 20% aller Trutzhainer bei der Landtagswahl dieses Jahr die AfD und ähnlich radikale Parteien wählen können, obwohl sie die schreckliche Geschichte der Weltkriege täglich direkt vor Augen haben. Außerdem finde ich, dass Trutzhain als „Museumsdorf“ an einigen Stellen herunter gekommen wirkt.

 

DANKE!
An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei Herrn Gottschlich für das Interview sowie allen Mitarbeitern der Gedenkstätte für die vielen hilfreichen Informationen zur Geschichte Trutzhains bedanken. Nur mit Hilfe der zuvor genannten Personen ist es möglich gewesen, so genaue Informationen zusammenzutragen und diese Arbeit anzufertigen. Es hat mir viel Freude bereitet.

Emily L.
Im Sommer 2018