Naturwissenschaftlich denken und christlich glauben (Teil 2)

Der Gottesglaube in der Scheidung von der Naturwissenschaft

Was blieb jetzt anderes übrig, als dass Gottesglaube und Naturwissenschaft sich voneinander lösten? Die unglückliche Ehe wurde geschieden. Es gab Männer, die die Unvereinbarkeit des christlichen Gottesglaubens mit der griechischen Naturphilosophie längst erkannt hatten. Blaise Pascal, der französische Mathematiker und Philosoph (1623-1662), schrieb in seinem Memorial, jenem Denkzettel, der nach seinem Tode im Futter seines Rocks gefunden wurde: “Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten! Jesus Christus! Nur auf Wegen, die das Evangelium lehrt, kann man ihn bewahren.” Und was lehrt das Evangelium? “Niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.” Folglich ist die durch bloßes Nachdenken gewonnene “Gotteserkenntnis” eben keine Gotteserkenntnis im biblischen Sinn. Die biblische und christliche Gotteserfahrung kommt nur durch göttliche Offenbarung zustande.

Bei der sich nun vollziehenden Scheidung wurde freilich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aber gerade die christlichen Vertreter der Naturwissenschaft waren für eine strikte Trennung der Welt des Glaubens von der Welt der Forschung. Hier Forschung, hier Glaube! Hier Naturwissenschaft, hier Gotteserkenntnis! hieß jetzt das Schlagwort. Man teilte die Welt in zwei Bereiche auf und wies sich gegenseitig in die Grenzen. Man gab sich auch Mühe, in den künstlich gezogenen Grenzen zu bleiben. Die Frage ist nur, ob die Abgrenzung richtig war.

Auf der Seite der Naturwissenschaft hatte man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Man wollte nur noch Naturwissenschaftler sein und alles Philosophieren und Theologisieren anderen überlassen. In der Praxis gelang das nie ganz; denn es ist im Grunde nicht möglich, die Natur aus dem Weltganzen säuberlich herauszulösen. Man ließ ein Irrationales als Möglichkeit stehen; mit dem Jenseitigen sollten sich die Theologen, die Vertreter des Gottesglaubens, befassen! Von Ausnahmen abgesehen, gab man sich Mühe, den Gottesglauben schonend zu behandeln, was dadurch möglich wurde, dass man Gott aus der Natur ausschloss. In ihr galt nur als vorhanden, was erforschbar und erklärbar war.

Die wirkliche Grenze der Naturwissenschaft wurde noch lange nicht gesehen. Man arbeitete immer noch an einem “naturwissenschaftlichen Weltbild”, in dem am Ende alles aufgehen sollte. Nicht nur die erforschbare Natur, für welche die Naturwissenschaft zuständig ist, sondern die Welt schlechthin wollte man erklären. Was nicht erklärbar oder erforschbar war, wurde nicht als Wirklichkeit angesehen. Man glaubte der Welt gerecht zu werden, wenn man sie als Natur betrachtete. In der Theologie wurden die Grenzen zu eng gezogen. Es kam der sogenannte Deismus hoch. Damit betrachtet man die Welt nach wie vor als Schöpfung Gottes; aber für Gott selbst sieht man keinen Raum in ihr. Er greift nicht mehr in den Lauf der Natur ein. Alles ist von ihm geschaffen, aber dann gewissermaßen auf sich selbst gestellt. Wie eine Maschine unabhängig von ihrem Hersteller läuft, so hat Gott uns Menschen eine von ihm persönlich mehr oder weniger unabhängige Welt zur Verfügung gestellt.
Der gefundene Weg schien gangbar zu sein: Man konnte Gott in aller Ehrfurcht als Schöpfer der Welt verehren, ohne mit der naturwissenschaftlichen Forschung in Konflikt zu geraten. Denn diese hatte es jetzt ja nicht mehr mit Gott, sondern nur noch mit einer autonomen Schöpfung Gottes zu tun.

Wie ging es nun dem Gottesglauben im Zeichen dieser Koexistenz? Konnte er bei der Beschränkung auf die ihm zugewiesene jenseitige Welt gedeihen? Entspricht der Verzicht auf das Natürliche und die einseitige Verlagerung auf das Übernatürliche seinem Wesen?

Der christliche Glaube hat es mit Gott, dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge, zu tun und darum auch mit allen Dingen, die er geschaffen hat und erhält. Eine Natur, in der kein Raum für Gott ist, kennt der Gottesglaube ebenso wenig wie einen Gott, der keinen Zugang zur Natur hat. Der Naturwissenschaft sind Grenzen gesetzt; sie ist nur zuständig für das Erforschbare. Dem Glauben dagegen sind keine Grenzen gesetzt; ihm gehört das Erforschbare ebenso wie das Unerforschliche.

Darum war es ein folgenschwerer Rückzug, als die Theologie weitgehend ihr Mitspracherecht auf dem Feld der Naturwissenschaft preisgab und der Naturwissenschaft das Alleinverfügungsrecht zugestand und ihr sogar Gebiete überließ, die über die Naturerkenntnis hinausgehen.

So wurde z. B. eingeräumt, die Aussagen der Bibel über Naturvorgänge seien nicht voll zu nehmen, weil die biblischen Schriftsteller einem veralteten Weltbild verhaftet gewesen seien. Die Folge war, dass alles verdächtig erschien, was an biblischen Aussagen nicht deckungsgleich war mit den entsprechenden Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung. Was nicht in das naturwissenschaftliche Weltbild der Neuzeit passte, wurde für unverbindlich erklärt: die biblischen Wunderberichte, das Zeugnis von der Geburt und Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft Jesu, vom Weltende und der kommenden neuen Welt, vielfach auch die Darstellung von der Erschaffung der Welt und des Menschen auf dem ersten Blatt der Bibel.

Was aber als unverbindlich gilt, kann beiseite gelegt werden. Darum konnte eines Tages Rudolf Bultmann sein “Erledigt!” in Bezug auf solche Aussagen der Bibel sprechen. Das wurde ihm weithin abgenommen. Wo man es ihm aber nicht abnahm, war man doch sehr ratlos gegenüber seiner Entmythologisierung. Man hatte eben immer noch einen mächtigen Respekt vor dem “naturwissenschaftlichen Wellbild der Neuzeit”, obwohl es auf einer großen Anmaßung beruht hatte und bereits gestürzt war.

Auch heute ist noch nicht überall begriffen, dass die Naturwissenschaft niemals ein Weltbild liefern kann, weil sie ja für die Welt als Ganzes gar nicht zuständig ist. Für die Natur allein ist sie zuständig; ein Naturbild aufzustellen, mag sie versuchen. Gelingen wird ihr aber nicht einmal das, wie ihre größten Vertreter heute offen zugeben.

Die Absage der Naturwissenschaft an das Weltbild der Neuzeit

Heinrich Hertz entdeckte 1887 die elektromagnetischen Wellen. Helmholtz bezeichnete das als die wichtigste Entdeckung des 19. Jahrhunderts. Mit ihr begann der Siegeslauf der modernen Wellenphysik. Bei dem Bestreben, den Stoff in seine Bestandteile aufzulösen, wurde festgestellt, dass seine kleinsten Bestandteile sich wie Wellen verhalten. Eine aufregende Entdeckung: die Materie hat Wellencharakter! Der Stein, der Baumstamm, alles Feste und Stoffliche in der Welt löst sich vor dem Auge des Forschers in lauter Wellen auf. Das Atom stellt sich ihm als Wellenkomplex dar, als eine Wolke von Schwingungen. Das Weltall ist ein riesiges Schwingungsfeld; die materielle Welt besteht aus lauter Schwingungen.

Max Planck (1858-1947), Professor der Physik in Berlin und Göttingen, begründete im Jahr 1900 die Quantentheorie. Bei der Beobachtung der Wellenvorgänge im atomaren Bereich stellte sich heraus, dass die Energie Masse und Trägheit, also Substanzcharakter hat. Die Natur gibt ihre Energie nicht in einem stetig fließenden Strom ab, sondern stoßweise, nicht in beliebiger Menge, sondern in Portionen. Wie ein Verkehrsschutzmann, der die Bahn erst freigibt, wenn so und so viele Wagen oder Menschen sich angesammelt haben, so handhabt die Natur ihre Energieabgabe. Es muss immer ein gewisses Quantum erreicht sein, ehe die Energie frei wird und die Wirkung einsetzt.

Die Hertzsche Entdeckung ließ den Stoff als Energie erscheinen; er löste sich in Wellen auf und wurde zum Kraftfeld. Die Plancksche Entdeckung erhob die Energie zum Stoff; bei genauer Betrachtung verhält sie sich ja wie ein solcher. Das Licht, eine Erscheinungsform der Energie, ist eine Wellenbewegung, die sich mit messbarer Geschwindigkeit im Raum verbreitet. Andererseits hat der Lichtstrahl eine Stoßwirkung, wenn er auf Stoff trifft. Er regt die Materie zur Abgabe von Elektronen an; man kann mit ihm elektrischen Strom erzeugen.

Licht erweist sich also als harter Stoff, wenn es auf solchen trifft; harter Stoff gibt Licht ab, wenn er dazu veranlasst wird: Licht und Stoff sind sich ähnlich. Ein und dieselben Elementarteilchen verhalten sich einmal wie Wellen, einmal wie Stoffteilchen. Masseteilchen oder Wellenvorgänge, Wellenvorgänge oder Masseteilchen: je nach Standort und Art der Beobachtung! Stoff und Strahlung erscheinen als zwei verschiedene Formen, in denen sich ein und dieselbe Energie äußert. Die Materie ist eine Erscheinungsform der Energie; ihre kleinsten Bausteine, die Atome, sind Zusammenballungen der Energie an bestimmten Orten. Die Energie aber hat Masse und ist somit tatsächlich Materie, die man messen und anhäufen, ja, mit der man zuschlagen und Metall zerfallen machen kann.

Die Betrachtungsweise aber ist nicht einheitlich. Was wir hier in einem Zuge zu schildern versuchen, ist nie auf einmal in den Blick zu bekommen. Man kann stets nur eine der beiden Verhaltensweisen beobachten und muss dabei die andere jeweils außer acht lassen. Bei der einen Methode beobachtet man nichts als Wellen; dass es auch Teilchen sein können, ist nicht ersichtlich. Bei der anderen Methode sieht man nur Teilchen; dass es auch Wellen sein können, ist nicht erkennbar. Will man sich das ganze Verhalten der Energie vergegenwärtigen, so muss man dem augenscheinlichen Befund zum Trotz auch den entgegengesetzten Charakter in das beobachtete Objekt hineindenken.

Von dem Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) stammt die Entdeckung der nach ihm benannten Unbestimmtheitsrelation. Er entdeckte, dass kein Atom beobachtet werden kann, ohne dass es sich verändert. Das Naturgeschehen ist also nicht objektivierbar; man kann nicht feststellen, wie das Atom an sich ist. Um z.B. den Ort und die Bahn eines Elektrons festzustellen, muss man es ja dem Licht aussetzen. Durch die Belichtung aber wird es derart beeinflusst, dass es seine Geschwindigkeit und Lage sofort ändert.
Nehmen Sie sich einmal vor: “Ich will jetzt eine Stunde lang alle meine Gedanken kontrollieren und genau darauf achten, was mir ohne mein Zutun alles durch den Kopf geht!” Werden Sie das durchführen können? Unmöglich! Denn während Sie Ihre Gedanken zu kontrollieren versuchen, beeinflussen Sie sie, und mit Ihrem Ohne-mein-Zutun ist es vorbei. Weil die Beobachtung Ihrer Gedanken mit Hilfe Ihrer Gedanken geschieht, verändert sie Ihre Gedanken. Ebenso verändert die Beobachtung der Energie die Energie, weil sie mit Hilfe von Energie geschieht.

Der Naturwissenschaftler weiß also lediglich, wie sich ein Atom in seiner Retorte verhält, während er es beobachtet und beeinflusst. Er kann auch Vergleiche ziehen mit dem Verhalten anderer Atome und zu Sammelergebnissen kommen. Aber in allen Fällen handelt es sich um beeinflusste Atome. Unbeeinflusste Atome bekommt er nicht zu Gesicht.

Darum musste die Naturwissenschaft die Hoffnung aufgeben, das Atom an sich erforschen zu können. Der Vorstoß zum Sein der Dinge ist ihr verwehrt. Sie weiß nur, was in der Natur geschieht, aber nicht, was sie ist. “Die Atome sind nicht ebenso wirklich wie die Atomvorgänge”, sagt Werner Heisenberg. Wirklichkeit im Sinne der klassischen Physik ist nur das Geschehen, nicht das Sein; es können ja nur atomare Vorgänge beobachtet werden, aber kein atomares Sein. Auf ein solches kann der Forscher nur schließen, es also für möglich oder für wahrscheinlich halten.

In diesem Stück ist also die Naturwissenschaft am Ende ihres Forschens, ohne dass die Natur zu Ende erforscht ist. Denn die Atomvorgänge können ja nicht das Letzte sein; es muss ja Atome geben, wenn etwas mit ihnen geschieht. Ein Geschehen ohne ein Sein ist nicht denkbar; wenn dieses sich aber der Beobachtung entzieht, liegt es jenseits der naturwissenschaftlichen Erfahrung.

Damit steht die Naturwissenschaft an der Grenze ihres Erkenntnisvermögens. Ihr Siegeslauf ist zu Ende, ohne dass sie das Ziel, das ihr einst vorschwebte, erreicht hat. Die Hoffnung, schließlich alles erforschen und erklären zu können, ist dahin. Das mechanistische Weltbild der Neuzeit, in dessen Rahmen sie eine allumfassende Erkenntnis erwartet hatte, ist zusammen gebrochen. Die Naturwissenschaft kann nicht nur kein Weltbild, sondern nicht einmal ein vollständiges Naturbild bieten. Denn der Kern der Natur, das Herz aller Dinge, bleibt unerforscht. Eintritt verboten! steht für den Naturforscher an der Tür zur innersten Werkstatt der Natur. Er weiß, dass das Erforschbare nur ein Vorletztes ist; aber er kommt an das Letzte nicht heran. Durch die Unschärfe, die infolge der Beobachtung eintritt, ist dem weiteren Eindringen in die Geheimnisse der Natur ein Riegel vorgeschoben.

Die Heisenbergsche Formel wird darum als das Todesurteil für den mechanistischen Materialismus bezeichnet. Man kann in der Natur nicht alles bis zum Letzten bestimmen und erklären; sie ist kein Mechanismus, der ganz und gar berechenbar ist.

Die Naturwissenschaft auf dem Boden der Bescheidenheit

Man sah sich jetzt genötigt, in der Naturwissenschaft die Denkform der statistischen Wahrscheinlichkeit einzuführen. An die Stelle der genau errechneten Bestimmtheit tritt von einem gewissen Punkt an die relative Häufigkeit. Weil in Millionen von Fällen zu der und der Zeit und an dem und dem Ort die Anwesenheit eines Elektrons im Atom festgestellt werden kann, darf angenommen werden, dass in allen Fällen dann und dort eins anwesend ist.

Ein Beispiel zum Verständnis der statistischen Wahrscheinlichkeit: Wenn durch eine genaue Statistik nachgewiesen würde, dass auf der Erde ein Jahr lang in jeder Minute hundert Menschen gestorben sind, könnte angenommen werden, dass auch in der jetzigen Minute hundert Menschen sterben. Mit Sicherheit ließe sich das nicht errechnen aber die Wahrscheinlichkeit spräche dafür. Für die Naturwissenschaftler, die mit allergenauesten Berechnungen zu arbeiten gewohnt sind, ist es sehr schwer, mit den Kategorien von Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit forschen zu müssen. Albert Einstein konnte nie ein letztes Ja dazu finden. “Gott würfelt nicht!” hielt er der neuen Entdeckung entgegen, ohne jedoch selbst eine andere Erklärung für den vorhandenen Tatbestand geben zu können.

Der Gedanke der absoluten Berechenbarkeit konnte also seine alles beherrschende Stellung in der Naturwissenschaft nicht halten; er muss das Feld der Forschung jetzt mit dem Gedanken der relativen Wahrscheinlichkeit teilen. Was vorher als unbedingt galt, gilt jetzt als wahrscheinlich; an die Stelle von Gesetzen treten Regeln. Das einzelne Resultat der Forschung muss erst durch Millionen von anderen Einzelresultaten bestätigt werden, ehe es Gewicht hat.

Sir Arthur Eddington, ein englischer Astronom und Physiker, hat die erstaunliche Feststellung getroffen: “Das Wort ,unmöglich’ verschwindet aus unserem Wortschatz.” Und Sir James Jeans, ein englischer Mathematiker (1877-1946) sagt: “Nichts kann als unmöglich ausgeschlossen werden.” Was vorher als unmöglich galt, gilt jetzt als höchst unwahrscheinlich.
Ein Forscher sagt, es sei höchst unwahrscheinlich, aber naturwissenschaftlich gesehen durchaus möglich, dass einem Maurer, der oben auf einem Gerüst arbeite, von unten ein Ziegelstein selbsttätig in die Hand flöge. Auch wenn es erfahrungsgemäß nicht vorkomme, sei es naturgesetzlich nicht ausgeschlossen.

Selbstverständlich arbeitet die Naturwissenschaft nach wie vor mit den Gesetzen von Ursache und Wirkung und erzielt damit großartige Ergebnisse. Sie schießt Satelliten in vorher genau berechnete Bahnen in den Weltraum, macht Flüge zum Mond und veranstaltet Begegnungen von Astronauten im Weltall. Aber sie weiß, dass die Gesetze, mit denen sie dabei arbeitet, letzten Endes Regeln sind, die auch Ausnahmen gestatten können. Es bedürfte jedenfalls keiner Durchbrechung der Naturgesetze, wenn es einmal nicht nach ihren Berechnungen ginge; es wäre nur eine Ausnahme von der Regel eingetreten.

Die großartigen Errungenschaften unserer Zeit ändern also nichts an der Verlegenheit der Naturwissenschaft in Bezug auf das Grundlegende und Letztgültige. Das ist auch der Grund für ihre Bescheidenheit. Während die ahnungslosen Anbeter der Naturwissenschaft in Überheblichkeit schwelgen und sich an ihren gewaltigen Erfolgen berauschen, beharrt sie selbst in einer bewunderungswürdigen Nüchternheit.

Raum für den Gottesglauben im Bereich der heutigen Naturerkenntnis

Die christliche Gemeinde tut gut, mit der Auswertung der neuen Naturerkenntnisse zurückhaltend und vorsichtig zu sein; denn die Gefahr, in eine Abhängigkeit von naturwissenschaftlich getünchten Philosophien zu geraten, ist auch heute vorhanden.
Eines steht eindeutig fest: Mit dem Zusammenbruch des mechanistischen Weltbilds hat der Unglaube seine naturwissenschaftliche Stütze verloren. Die Zeit, in der man seinen Unglauben mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft begründen zu können meinte, ist vorbei. Wer heute noch behauptet, sein naturwissenschaftliches Denken erlaube ihm nicht, an die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zu glauben, muss sich fragen lassen, ob sein naturwissenschaftliches Denken nicht total veraltet ist. Die Naturwissenschaft zwingt niemanden mehr zum Unglauben. Sie zwingt allerdings auch niemanden zum Glauben. Sie liefert kein Fundament für den christlichen Glauben. Er kann auch nicht kontinuierlich weitermachen, wo sie am Ende ihrer Erkenntnismöglichkeiten steht.

Es soll also niemand meinen, christliche Glaubenserfahrung müsse sich mit wissenschaftlicher Naturerkenntnis decken und jene müsse diese ergänzen. Das Erdgeschoss Naturerkenntnis, das Obergeschoss Glaubenserfahrung, das Dachgeschoss Unerfahrbares – so sieht das Haus Welt nicht aus. Wir dürfen nicht aufs Neue zu Thomas von Aquin zurückkehren, bei dem die Gnade die Natur vollendet.
Darum kommen wir auch nicht weiter mit den modernen Theologien, die mit philosophischen Kategorien arbeiten. Wer z.B. von Gott als der “Tiefe des Seins” redet, gerät in gefährliche Nähe zu dem “höchsten Sein” der griechischen Philosophen. Wer Gott das “Woher unseres Umgetriebenseins” nennt, ist ziemlich nahe bei dem unsichtbaren Beweger der griechischen Metaphysik. Und wer behauptet: “Gott ist nicht, sondern er geschieht! – hält der nicht lediglich die philosophische Variante zur modernen Naturerkenntnis bereit, bei der man nur mit dem Geschehen etwas anfangen kann, mit dem Sein aber nicht?

Bei diesem neuen Reden von Gott steht niemand anderes Pate als der Gott der Philosophen, dessen Identifikation mit dem Gott der Bibel einst so verhängnisvoll für die christliche Kirche wurde. Ganz eindeutig ist das bei der “Theologie nach dem Tode Gottes”. Wen anderes hat man da zu Grabe getragen als den Gott der Philosophen, der das fortschrittliche Denken nicht mitmachen konnte und beim Siegeslauf der Forschung auf der Strecke blieb! Nicht der christliche, sondern ein scheinchristlicher Glaube hat da seine Mitte verloren.

Platz für die Wunder der Bibel

Da und dort erliegt man der Versuchung, die Wunder der Bibel mit Hilfe der neuen Naturerkenntnis salonfähig machen zu wollen. Ohne Zweifel gibt diese mit ihrem “Nichts unmöglich!” einen Spielraum für Wunder aller Art; aber damit ist noch lange nicht gesagt, dass die Wunder der Bibel hier ihren Platz haben.
Es wäre sehr gefährlich, wenn man behaupten wollte, bei jedem der in der Bibel bezeugten Wunder sei eine von jenen naturwissenschaftlich nicht unmöglichen Ausnahmen aus der Regel eingetreten, also der “Backstein” von selbst aufs Gerüst geflogen! Mit solchen vorschnellen Schlüssen wäre weder dem christlichen Glauben gedient noch dem unchristlichen Unglauben gewehrt.

Die Wunder im Neuen Testament gehören einem anderen Raum und damit auch einer anderen Kategorie an. Sie sind ein Stück der neuen Welt, die in Jesus Christus angebrochen ist. Als Begleiterscheinungen der Verkündigung des Evangeliums und gehören in den Rahmen der Eroberung der Welt durch Jesus Christus. Es sind Vorboten der hereinbrechenden neuen Welt, die aufgerichteten Zeichen der bereits aufkeimenden neuen Schöpfung. Um sie erklären zu können, müssten wir die Gesetze der neuen Schöpfung kennen, aus der sie stammen. Der Versuch, sie in der jetzigen Naturordnung unterzubringen, ist von Grund auf verfehlt.
Auch die Wunder des Alten Testamentes gehören ihrem Wesen nach schon dieser kommenden neuen Welt an. Denn der Tag des Heils, der in Jesus Christus angebrochen ist, kündigt sich in der Zeit vor Christus schon machtvoll an. Die Geschichte des Volkes Israel gehört zur Gottesoffenbarung in Jesus Christus wie die Morgendämmerung zum Tag.

Die biblischen Wunder sind also nicht Reste aus der Welt von gestern, von der wir Christen angeblich nicht loskommen, sondern Vorboten der Welt von morgen, der wir innerlich schon angehören. Das zu wissen, macht uns gelassen gegenüber dem überheblichen Urteil derer, die von der kommenden neuen Welt keine Ahnung haben.

Der Anbruch der neuen Welt

Damit stehen wir bei dem Kernproblem in der Auseinandersetzung zwischen naturwissenschaftlichem Denken und christlichem Glauben. Es ringen hier zwei Welten miteinander, die vergehende und die kommende, die alte und die neue Welt.

Alle jene Menschen, die real im christlichen Glauben stehen, gehören einer neuen Schöpfung an. “Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden” (2. Korintherbrief 5,17). Wer nicht selbst im lebendigen Glauben an Jesus Christus steht, wird uns hier nicht ohne Weiteres verstehen können. Wir bitten aber trotzdem, diesem Kernstück christlicher Erfahrung und Auffassung Aufmerksamkeit zu schenken. Denn ohne ein gewisses Eingehen darauf wird kaum einsichtig werden, warum eine christliche Weltbetrachtung den Horizont der wissenschaftlichen Naturerkenntnis sprengen muss.

Wo wir “Christ sein” sagen, sagt das Neue Testament, “in Christus sein”. Das bedeutet: personalen Anschluss an Jesus Christus haben, in Lebensverbindung mit ihm stehen, von seinem Geist bewegt werden und so seiner Welt angehören. Nach neutestamentlicher Sicht hat mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus eine neue Schöpfung ihren Anfang genommen. Jesus Christus ist der neue Mensch, der Träger und Vermittler eines neuen Menschseins. Er bringt Gottes Wesen ins menschliche Sein. Ewiges Leben, wie Gott es hat, unvergängliches Wesen, wie es Gott eigen ist, zeichnet diese neue Menschheit aus. Es überträgt sich von Jesus Christus selbst auf “alle, die an ihn glauben”, d.h. sich ihm anvertrauen und so eins mit ihm werden, dass er ihnen schenken kann, was er selbst hat.
Um Jesus Christus her ist eine neue Menschheit im Werden, in eben jenen Menschen, die an ihn glauben, d.h. mit ihm Eins werden. Er schafft in ihnen durch seinen Geist ein neues Herz: Sie lernen denken und empfinden, wünschen und wollen, lieben und hoffen wie er. Am Ende wird er auch ihren “Leib verklären”: zum neuen Herzen kommt ein neuer Organismus, womit die gott-entsprechende Menschheit ihre Vollendung erfährt.

In seinen letzten Auswirkungen führt das zu einer Erneuerung der ganzen Schöpfung. “Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes” (Römerbrief 8,21). Die Art Gottes, die sich von Jesus Christus aus in seinem Volk durchgesetzt hat, wird in der ganzen Schöpfung den Sieg davon tragen: “Das Verwesliche wird Unverweslichkeit anziehen” (1. Korintherbrief 15,54).

Dieser Erneuerungsprozess, in dessen Anfängen wir als Christusmenschen bereits stehen, bringt es mit sich, dass wir von anderen als Fremdkörper empfunden und als Außenseiter betrachtet werden. Sie sind heimisch in der jetzigen Welt, wir in der kommenden, zu der sie noch kein Verhältnis haben. Unser Verhältnis zu der jetzigen Welt ist jedoch nicht negativ. Wir sagen Ja zu ihr in ihrer Jetzigkeit und Vergänglichkeit. Wir nehmen sie ganz ernst als das, was sie ist, als eine Welt auf Zeit, aus der wir das Beste zu machen haben, an die wir aber unser Herz nicht verlieren dürfen. Wir holen aus ihr heraus, was sie zu geben hat; wir suchen in ihr aber nicht, was sie nicht geben kann: Wir suchen in ihr nicht unsere letzte Befriedigung und sehen in ihr nicht unsere ewige Heimat.

Fortsetzung: Die Welt in christlicher Sicht.