Naturwissenschaftlich denken und christlich glauben (Teil 3)

Die Welt in christlicher Sicht

Unsere Welt ist nämlich nicht auf das Bleiben, sondern auf das Vergehen angelegt. Nur wer sie so sieht, nimmt sie ganz ernst. Wer sie als bleibende Größe betrachtet, nimmt sie in ihrem Wesen nicht ernst. Denn das Vergehen gehört zu ihrem Wesen. Sie ist von Anfang an, von ihrer Erschaffung her und darum von ihrer Anlage her eine nicht ewige Größe. Sie ist als eine Welt auf Zeit geschaffen worden.

Wir können auch sagen: Unsere Welt ist auf Zukunft angelegt. Nur darf das nicht so verstanden werden, als ob sie so, wie sie ist, eine Zukunft habe. So hat sie nämlich gerade keine Zukunft. Sie ist auf Verwandlung angelegt. Sie hat nur eine Zukunft auf dem Wege der Wiedergeburt, auf dem Wege des Untergehens und Wiedererstehens. Etwa so, wie eine Nuss eine Zukunft hat, wenn sie im Erdboden untergeht und als Nussbaum wieder aufersteht!
Solange man das in der Naturwissenschaft außer Acht lässt, nimmt man die Welt nicht ernst genug. Auch den Menschen nimmt man nicht ernst genug. Oder sucht er nicht etwas, was bleibt? Macht er nicht darum im Handumdrehen aus der Naturwissenschaft eine Ersatzreligion, wenn sie der falschen Meinung nicht mit Nachdruck entgegentritt, sie habe die ganze Welt im Griff?

Sehen denn unsere Naturwissenschaftler nicht, wie ganze Bevölkerungsschichten die Naturwissenschaft zu einer Art Weltreligion erheben und so mit ihr Missbrauch treiben? Müssten sie diesem Unfug nicht mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren und zwar sowohl aus Verantwortungsbewusstsein für die Sauberkeit der Wissenschaft als auch für die Zukunft der Menschheit?
Können sie stillschweigend zusehen, wie die Menge sich selber betrügt und wie gewissenlose Leute diesen Selbstbetrug noch fördern durch eine Vernebelung der ganzen geistigen Landschaft? Diese Vernebelung beeinträchtigt das Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Christentum nicht nur insofern, dass es von Nachteil für den christlichen Glauben ist. Auch die Naturwissenschaft kann nur Nachteile davon haben. Sie darf auch in ihrem eigenen Interesse nicht zulassen, dass man sie absolut setzt, religiös überhöht, ihre Erfolge als Ein und Alles betrachtet und somit vergöttert.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Natur sich nicht an sich erklären lässt. Nur wer die Welt als Ganzes im Auge hat, wird auch der Natur als einem Teil von ihr gerecht. Ich freue mich, dass das namhaften Naturforschern wieder mehr und mehr bewusst wird, auch wenn sie sich zunächst weniger mit theologischen als mit philosophischen Fragen beschäftigen. Heisenbergs Buch “Der Teil und das Ganze” ist schon in seinem Titel ein Hoffnungsstrahl.

Weil unsere jetzige Welt auf die kommende angelegt und berechnet ist, kann sie nicht ohne diese ausreichend verstanden werden. Nur wer den Schmetterling kennt, versteht die Raupe wirklich; nur wem die Augen aufgegangen sind für die kommende neue Welt, der hat Aussicht, auch der vergehenden alten gerecht zu werden.

Weltschöpfung und Weltvollendung

Die biblische Kosmologie kennt keine in sich abgeschlossene Weltschöpfung. In dem Bild von der Erschaffung der Welt, das mit den ersten beiden Kapitel der Genesis vor uns liegt, wird diese als unfertig dargestellt. Als vollendet erscheint sie erst nach Ablauf der Weltgeschichte in Offenbarung, Kapitel 21 und 22, als neue Welt nach dem Untergang der alten.
Den Ausdruck “Weltuntergang” benützt die Bibel allerdings nicht; sie redet nicht vom Untergehen, sondern vom Vergehen der Welt. Das Weltende gleicht nicht dem Untergang eines Schiffes, bei dem alles zugrunde geht und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Es gleicht vielmehr dem Vergehen eines Samenkornes in der Erde, aus dem gleichzeitig eine neue Pflanze aufkeimt und aufgeht.

Auch für völlig weltoffene Menschen sollte es nicht allzu schwer sein, sich mit diesen Gedanken anzufreunden. Ein Weltende, das den Durchbruch einer unvergänglichen Welt in sich schließt und nach sich zieht, sollte auch die Naturwissenschaft von ganzem Herzen bejahen können. Es wäre doch für sie außerordentlich positiv, zu wissen, dass das Objekt, mit dem sie sich beschäftigt, in höchstem Maße zukunftsträchtig ist: Die vergängliche Natur trägt die Anlagen für eine unvergängliche in sich!

Naturerkenntnis und Christuserfahrung

Oder ist es für unsere Naturwissenschaftler unzumutbar, sich mit Jesus Christus zu befassen? Ein Ja zur neuen Welt ist natürlich nicht möglich ohne ein Ja zu ihm, der Mitte derselben. Aber wie die alte Welt erst sinnvoll wird mit dem Erscheinen der neuen, so auch der alte Mensch — in der Bibel “Adam” genannt — mit der Erscheinung des neuen, der “Christus” heißt und in Jesus von Nazareth in die Geschichte eingetreten ist.
In Jesus Christus ist ja nicht ein völlig Unbekannter in der Welt erschienen, sondern der Träger der gesamten Schöpfung Gottes, auf den alles Geschaffene zurückzuführen ist. Nach biblischer Sicht ist die Welt von Anfang an auf Christus angelegt. “Er war vor allem anderen da, und alles besteht durch ihn” (Kolosserbrief 1,17). “Durch ihn ist alles entstanden; es gibt nichts, was ohne ihn entstanden ist” (Johannesevangelium 1,3).

Auch die Botschaft von der Versöhnung der Welt, die vielen so ärgerlich erscheint, ist von hier aus zu verstehen. Weil alles auf dem Weg über Christus geworden ist und auf ihn als den Vermittler alles Vorhandenen zurück geht, trägt er auch für alles die Verantwortung und kann für alles gutstehen. Weil er der Schöpfungsgarant ist, kann er auch als Menschheitsgarant auftreten und sein eigenes Sein und Leben in die Waagschale werfen zugunsten der Menschen.
Das “Wort vom Kreuz” ist nicht so unwissenschaftlich, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Vergießt der Mensch bei der totalen Hingabe seines Lebens nicht sein Blut? Warum soll dann nicht von dem “teuren Blut Christi” geredet werden dürfen, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass Christus als der ewige Garant der Welt seine eigene Existenz aufs Spiel gesetzt und sich selbst samt allem, was er hat, eingesetzt hat, um die von ihm verantworteten Menschen vom Verderben zu retten und ans Ziel ihrer Bestimmung zu bringen?

Von welchem Verderben? wird man nun mit Recht fragen. Zunächst einmal von dem Verderben, das wir als Vergänglichkeit bezeichnen, wie sie unserer Welt eigen ist. “Von Staub bist du genommen bist und zum Staub kehrst du zurück!” ist ein Gerichtswort an den Menschen. Der Mensch, der sich in lauter Atome auflöst und zu existieren aufhört, ist nicht Vollmensch im Sinne der Bibel. Gerade vor diesem Schicksal muss er bewahrt, aus dieser Fehlentwicklung errettet werden, weil solch ein Ende gegen seine Bestimmung und Veranlagung wäre. Mensch sein heißt, Partner Gottes sein und als solcher ewig, unvergänglich und herrlich werden, wie es dem Schöpfer selbst entspricht.

Ein Menschsein, das im Vergehen endete, wäre keines. Schon ein gesundes menschliches Empfinden sagt nein und noch einmal nein zu solch einem Missgebilde verirrter Phantasie. Auch die ganze Menschheitsgeschichte spricht dagegen, ob man nun ihre religiöse, kulturelle oder gesellschaftliche Seite ins Auge fasst. Jeder Mensch, der ein bisschen Treue sich selbst gegenüber bewahrt hat, empfindet ja gerade das als Schuld, dass er nicht er selbst geworden ist, dass das von ihm verwirklichte Menschsein weit hinter dem zurückbleibt, was er sich selbst, den anderen, der Welt und ihrem Schöpfer schuldig zu sein bewusst ist. Was uns im tiefsten Grunde unglücklich macht, ist doch dieses Zurückbleiben hinter unserer Bestimmung.

Nun kommt Jesus Christus mit seinem göttlichen Vermögen und sagt uns, dass er unter Einsatz aller ihm gegebenen Möglichkeiten unserem Zustand, worin wir schuldig werden und schuldig bleiben, ein Ende setzen will. Er führt uns heraus aus unserer Verschuldung und ans Ziel unserer Bestimmung, so dass wir nicht für immer in unserem leidvollen verfehlten Dasein des gefallenen Menschen stecken bleiben müssen.

Aber nicht nur das alte Menschsein ist für uns überwindbar geworden. In Jesus Christus ist auch das Herz einer neuen Welt in unsere Mitte gekommen. Die Unvergänglichkeit, die ihm eigen ist, erobert von ihm aus unsere Welt; die Befreiung aus der Versklavung an die Vergänglichkeit ist für sie in Gang gekommen. Das Gottesleben, an dem er uns Anteil gibt, wird am Ende die ganze Welt durchdringen.

Die Überwindung des Bösen in der Welt

Erlösung im biblischen Sinn ist aber mehr als Befreiung aus der Versklavung an die Vergänglichkeit.
Der Naturwissenschaft wird im Rahmen ihrer Forschung zwar nicht ohne weiteres bewusst, dass wir Menschen aus größeren Tiefen herauszuholen sind als aus dem Zurückbleiben hinter unserer Bestimmung. Aber schließlich hat die Menschheit ja auch eine Geschichte, die auch der Naturwissenschaftler nicht ignorieren darf. Und diese Geschichte hat derart schauerliche Abgründe, dass an dem Vorhandensein eines Bösen nicht zu zweifeln ist. Eine allumfassende Erlösung schließt darum auch die Befreiung aus der Gewalt des Bösen in sich: “Erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels”, sagt Martin Luther.

Für alle, die bewusst den Weg des Glaubens gehen, sind das mehr als gutgläubig übernommene Glaubenssätze. Wir machen bei unserem Rechnen mit dem lebendigen Christus Erfahrungen mit ihm, die uns von der Wahrheit und Wirklichkeit dessen überzeugen, was von ihm geschrieben steht. Wir können zwar mit unserer Christuserfahrung niemanden beeindrucken; sie steckt ja noch ganz in den Anfängen. Wir wissen um ihre Begrenztheit und Unzulänglichkeit. Wir verstehen es auch sehr wohl, wenn andere nicht von ihr beeindruckt sind. Wir wissen aber auch um ihre Bedeutsamkeit. Sie gleicht der kleinen Rute, aus der bei normalem Wachstum ein großer Baum wird, dem Embryo im Mutterleib, aus dem sich ein Mensch entwickelt. „Wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm – Jesus Christus – gleich sein“ (1. Johannesbrief 3,2).

Dieses Wissen erfüllt uns mit einer ganz großen Freude im Blick auf uns selbst und unsere Welt. Steckt die neue Welt auch noch ganz in den Anfängen, so steckt in diesen Anfängen doch schon die ganze neue Welt! Naturwissenschaftlich denken und christlich glauben! Wer jenes tut und dieses nicht kann, den bitten wir, uns trotzdem als überzeugte Christen ernst zu nehmen und nicht, was wir zu sagen versuchen, als indiskutabel zur Seite zu schieben. Mit den Maßstäben und Kriterien der NW kommt man nicht an den Kern der christlichen Botschaft heran. Dennoch ist eine Auseinandersetzung damit für die Wissenschaft fruchtbar.

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Text: Pfarrer Richard Neumaier
Grafik: Heinz Giebeler
Evangelischer Diakonissenring
Schriftenmission, Elsa-Brändström-Straße 10, 72555 Metzingen
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Urhebers. Text und Grafiken wurden von mir geringfügig angepasst.