Jesus Christus, das Lamm Gottes

Einmal im Jahr zu einer bestimmten Zeit sollte jede Familie in Israel ein junges Lamm schlachten, um eines ganz besonderen Ereignisses beim Auszug aus Ägypten1Frühdatierung: 1446 v.Chr; Spätdatierung: 1250 v.Chr. zu gedenken: Der Tod der Erstgeburt.


He smote all the first-born of Egypt, the chief of all their strength. (Psalm 105)
– Georg Friedrich Händel, ISRAEL IN EGYPT (1739), Part I, Chorus

Worthy is the Lamb that was slain to receive power, and riches, and wisdom, and strength, and honour, and glory, and blessing. (Revelation 5)
– Georg Friedrich Händel, MESSIAH (1742), Part III, Chorus

Verflucht sei der Mann, der nicht hört auf die Worte dieses Bundes, den ich euren Vätern geboten habe an dem Tag, da ich sie herausführte aus dem Land Ägypten, aus dem eisernen Schmelzofen, indem ich sprach: Hört auf meine Stimme und tut diese Worte, nach allem, was ich euch gebiete, so werdet ihr mein Volk, und ich werde euer Gott sein.
– Der Prophet Jeremia 11,3-4


In jener Nacht war in Ägypten kein Haus, worin nicht ein Toter war – von dem Erstgeborenen des Pharao, der auf seinem Thron saß, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen, der im Kerker war, und alle Erstgeburt des Viehes. Nur die Israeliten blieben verschont, die in ihren Häusern das Lamm wie von Gott angeordnet schlachteten und aßen. Sieht Gott das Blut des Lammes an den Türpfosten des Hauses, wird er an dem Haus vorübergehen. Anstelle der Erstgeborenen Israeliten starb das Lamm.

Der holländische Künstler Lawrence Alma Tadema (1836-1912) hat auf großartige Weise eine Perspektive auf dieses Ereignis in seinem Gemälde The Death of the Pharaoh’s Firstborn Son (1872) eingefangen. Sein Werk, beeinflußt vom Neuen Orientalismus, entstand in einer Zeit als ganz Europa von einer wahren Ägyptomanie erfasst war.

Death of the Pharaoh Firstborn son, Lawrence Alma-Tadema, 1872, Lizenzfrei von wikiart.

Der Ägyptenfeldzug Napolens (1798-1801) löste eine Welle der Faszination für den vorderen Orient aus, die sich in Literatur, Kunst und Wissenschaften niederschlug. Mehrere hundert Zivilisten begleiteten die französische Armee, darunter viele Mathematiker, Ingenieure, Naturforscher und Künstler. Die Begeisterung für die kontinentübergreifende geografische Region fand ihren Widerhall nicht nur in neuen Forschungsgebieten wie Ethnographie und Anthropologie, sondern auch in Kunst und Musik. In dieser Zeit wieder aufgeflammten Interesses an der Epoche der Pharaonen entdeckte Felix Mendelssohn Bartholdy in London Händels Partitur des Werkes Israel in Egypt und brachte es zur Wiederaufführung in Deutschland. Künstler des Akademischen Realismus (17.-19. Jh.) waren bestrebt historische Motive und Landschaften, die aus der Bibel bekannt waren und die man seit der Zeit Jesu Christi als unverändert annahm, realistischer darzustellen.

Verglichen damit war die Zielsetzung und der Ausdruck der Werke einer früheren Kunstepoche, der Renaissance (14.-17. Jh.), etwas anders gelagert: den Landschaften und Personen der Bibel wurde ein zeitgenössisches europäisches Antlitz verliehen und konkrete Naturvorgaben mit künstlerischer Freiheit umgesetzt. Auf manchen Gemälden, Landschaftsaquarellen und Flügelaltären sind geografische Orte zu erkennen, die man bereisen kann und Personen, die tatsächlich gelebt haben. Das können wir beispielhaft an einigen Werken betrachten, die in der Alten Pinakothek in München ausgestellt sind.

Der niederländische Meister Dieric Bouts d.Ä. verbindet Natur- und Landschaftsdarstellungen mit einem biblischen Motiv und stellt Johannes den Täufer im Morgenlicht in eine malerische Felsenschlucht hinein, im Hintergrund sehen wir eine befestigte Stadt. Johannes hält ein Buch in der Hand, zweifellos die Bibel, und darauf das Lamm, das Jesus Christus symbolisiert, von dem er zeugte: „Siehe das Lamm Gottes“. Das Zeitliche und örtliche verbindet sich in dieser Darstellung mit dem Überzeitlichen der biblischen Handlung. Es ist die Innenseite des linken Flügels des Triptychons Die Perle von Brabant, das einst der Privatandacht gedient hat.

Den Auftraggeber des Bildes Ecce Agnus Dei sehen wir am Flußufer kniend, die Hände gefaltet auf den Mann am anderen Flußufer blicken. Bezugspunkt dieser Darstellung ist die biblische Geschichte Johannes des Täufers, der von Gott zum Zeugnis seines Sohnes gesandt ist. Hinblickend auf Jesus spricht er: „Siehe, das Lamm Gottes!“ Johannes der Täufer steht im Bild hinter dem knienden Jünger und deutet auf Jesus Christus hin. Das Werk ist im Stil der Imitatio Christi entstanden, eines zentralen Gedankens der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsbewegung namens Devotio moderna. Der Auftraggeber ließ sich vom Maler als ein Nachfolger Jesu Christi darstellen. Es drängt sich leicht der Gedanke auf, dass diese Art der Selbstdarstellung nicht nur Ausdruck einer neuen Frömmigkeit, sondern indirekt auch eines gewissen Wohlstands ist. Das muss nun nicht unbedingt ein Widerspruch zu dem Wunsch nach einer persönlichen Beziehung zu Gott begleitet von einem tiefer gehenden Bibelstudium sein, wie es der Idee dieser Bewegung entsprach. Andererseits: begeht man hier nicht einen gravierenden Fehler und verwechselt leicht das Göttliche mit dem Versuch seiner Darstellung auf einer Leinwand? Wäre es nicht besser, die Nähe Gottes in der Betrachtung allein biblischen Textes zu suchen und darüber nachzusinnen, anstatt in einem statischen Bildnis?

Rembrandt van Rijn (1606‐1669) hegte kein Mißtrauen gegen die religiösen Bilder und stellte sich in Kreuzaufrichtung und Kreuzabnahme (1632/33) selbst dar. In Kreuzaufrichtung sehen wir mitten im Bild den Mann mit der Baskenmütze. Der Künstler bringt sich selbst in Verbindung mit der Kreuzigung Jesu. Mit Farbe auf Tuch verleiht er der Überzeugung Ausdruck, die man nicht darstellen kann: dass seine Sünden Jesus Christus ans Kreuz brachten.

Was hat das alles miteinander zu tun? Dem Auszug aus Ägypten wird eine ähnliche Bedeutung für das alttestamentliche Gottesvolk beigemessen wie der Tod und die Auferstehung Jesu Christi für die neutestamentliche Gemeinde. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, seine Kreuzigung und Auferstehung. Christen verehren denselben Gott, der schon zu den Menschen im Alten Testament sprach. Das Gericht Gottes an der Erstgeburt Ägyptens ist ein Vorbild auf Jesus Christus, der „Erstgeborene aller Schöpfung“. Er ist vor allen und hat in allem den Vorrang, was seine universelle Rangstellung andeutet. Er ist der „Erstling der Entschlafenen“, all derer, die zum neuen Leben auferweckt werden, was eine zeitliche Ordnung andeutet.
Die Gnade Gottes an den Israeliten mit dem Blut des Lammes an ihren Türpfosten ist ein Vorbild auf Jesus Christus, das Lamm Gottes, ein vollkommenes Opfer für die Sünden. Jesus Christus ist die Erfüllung dieses Bildes. Der Gerechte stirbt für die Ungerechten. An Karfreitag wird daran gedacht, dass Jesus für die Sünden des Volkes gekreuzigt wurde und drei Tage später von den Toten auferstand. Jahrhundertelang waren diese biblischen Ereignisse eine Inspirationsquelle für die Kunst verschiedener Gattungen und Genres, für Philosophen, Dichter und Denker, Maler und Musiker und für den schlicht Bibel-gläubigen Christen.


Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew
Der verlorene Krimkrieg 1854-56
1855 schrieb er das Gedicht:

Arm die Dörfer in den weiten
Steppen, die Natur voll Wehmut
Rings in deinen öden Breiten,
Russland!, Heimat!, Land der Demut!

Fremde Augen sehn verdrossen,
Was hier arm und missgestaltet,
Ihrem Stolze bleibt verschlossen
Das Geheimnis, das hier waltet.

Denn dich, heimatliche Erde,
Hat Er, der am Kreuz gelitten,
Hat, mit segnender Gebärde,
Gott in Knechtsgestalt durchschritten.

-.-

Metallica
Creeping Death, 1984:

I rule the midnight air
The destroyer
Born
I shall soon be there
Deadly mass
I Creep the steps and floor
Final darkness
Blood
Lambs blood painted door
I shall pass

So let it be written
So let it be done
I’m sent here by the chosen one
So let it be written
So let it be done
To kill the first-born pharaoh son
I’m creeping death


Wie damals das Volk daran glaubte, dass das Blut des Lammes sie vor dem Tod bewahrt, so besteht auch heute der Glaube an das Blut Jesu Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken – das einzige, was Gott zur Vergebung der Sünden annimmt. Vom Alten Testament her gesehen deutet alles auf dieses bevorstehende Ereignis am Kreuz hin. Vom Neuen Testament her gesehen, blickt alles auf dieses bereits geschehene Ereignis am Kreuz zurück. Ein weiteres Ereignis, das damit zusammen hängt, liegt noch in der Zukunft: Das Jüngste Gericht.

Christen glauben, dass die Toten auferstehen werden und danach ein Gericht stattfinden wird. Viele stellen sich das so vor, dass in diesem Gericht schlechte Taten durch gute Taten aufgewogen werden und dann entschieden wird, ob jemand in die Hölle oder in den Himmel kommt. So ist es aber nicht. Das Alte und das Neue Testament lehren, dass es nicht möglich ist, schlechte Taten durch gute Taten aufzuwiegen. Auch unser Rechtssystem bildet dieses Prinzip ab. Das einzige, worauf es ankam, welches die Ägypter von den Israeliten in der besagten Nacht unterschied, war das Blut des Opferlammes, von den Israeliten als Zeichen ihres Glaubens angebracht. Wie im Alten Bund mit dem Volk Israel Opfer zur Vergebung der Sünden gebracht werden mussten, so ist es auch im Neuen Bund. An diesem Prinzip hat sich nichts geändert. Nur ein Opfer kann die schlechten Taten oder, allgemeiner, Sünden, aufwiegen. „Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet“, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth. Das Opfer – den einen ein Geruch vom Tod zum Tod, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben. Die Entscheidung, ob ein Mensch in dieses Gericht kommt, fällt nicht erst nach der Auferstehung, sondern jetzt. Wer daran glaubt, dass Jesus durch seinen Kreuzestod für ihn das Opfer vor Gott gestellt hat, kommt nicht ins Gericht. Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet und wird verdammt werden. Harte Worte. An der Erstgeburt der Ägypter wurden sie vollzogen.

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Der Artikel entstand im Rahmen der Ausstellung Weltreligionen in Unterschleißheim und erschien zuerst im Herbst 2016. Der Text wurde im Frühjahr 2020 mit Anregungen aus dem Ikonoklasmus überarbeitet. Hier sind alle Artikel dieser Serie.

Anmerkungen   [ + ]

1. Frühdatierung: 1446 v.Chr; Spätdatierung: 1250 v.Chr.