Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

In der Einladung zur Austellung Weltreligionen erklärt die christliche Gemeinde in Unterschleißheim als Veranstalter »zum wichtigen Dialog der Religionen und der notwendigen Toleranz im Miteinander« in ihrem Umfeld beitragen zu wollen. In diesem Rahmen soll auch der Glaube an Jesus Christus begründet werden. Wie die Titelfrage andeutet, sollen die Besucher außerdem zum Nachdenken über die eigenen religiösen Überzeugungen angeregt werden.

Können Anhänger einer monotheistischen Religion, einer als universalgültig verstandenen Botschaft und einem Auftrag zur Weltmission tolerant sein? Warum ist ihnen die Frage nach der Wahrheit dessen, woran sie glauben, wichtig? Schließlich muss sich jeder, der für die Grundlagen seiner Weltanschauung Allgemeingültigkeit beansprucht, fragen lassen: Was ist der absolute Bezugspunkt, von dem aus du meinst, in der Lage zu sein, all die absoluten Behauptungen, die die verschiedenen Religionen aufstellen, relativieren zu können?

Jeder Mensch stellt alltäglich die Frage nach der Wahrheit in allen möglichen Bereichen. Wir glauben, dass wir in der Lage sind etwas Zuverlässiges über die Welt um uns herum und unsere Mitmenschen herauszufinden, ohne das philosophisch zu problematisieren. Zwar gibt es auch die entgegengesetzte Auffassung, dass wir uns das nur einbilden und dass Wahrheit nur ein menschliches Konstrukt ist. Solche Überlegungen entspringen allerdings kaum der Alltagserfahrung als vielmehr ausgewählten Beiträgen der Philosophie und Neurowissenschaften, die die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens grundsätzlich in Frage stellen. Abgesehen davon wird die Frage „Wer hat Recht?“ in den Religionen nur jemand ausklammern, der davon ausgeht, dass nichts, was von Bedeutung wäre, von ihrer Beantwortung abhängt und sie ansonsten nur Unfrieden verursacht. Womit sonst sollte man heute „die wahre Religion“ verbinden, als mit einer vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierung, mit Intoleranz, Gewalt, Religionskriegen? Selbst im Bereich der Wissenschaften spricht man von vorläufigen Ergebnissen, derzeitigem Stand der Forschung oder aktuellen Lehrmeinungen. Es ist daher berechtigt zu fragen, kann man überhaupt Fragen beantworten, die ein Jenseits betreffen und über die Grenzen von Leben und Tod hinaus reichen? Ist das nicht alles reine Spekulation?

Deswegen wird gelegentlich zwischen Wissensfragen und Glaubensfragen unterschieden, wenn über Wahrheit und Toleranz in den Religionen diskutiert wird. Auf die eine Seite werden Wunder und Mythen gestellt, an die man glaubt und die sich nicht auf natürliche Vorgänge zurückführen lassen, und auf die andere Seite Ereignisse, von denen man meint, dass sie streng Naturgesetzen gehorchen. Die Diskussion läuft darauf hinaus, dass man bei manchen Fragen nicht die Toleranz bemühen soll, und bei anderen nicht die Naturwissenschaften. Es geht das Gerücht um, die moderne Naturwissenschaft hätte Gott widerlegt bzw. seine Existenz sehr unwahrscheinlich gemacht. Aber ist sie hierzu prinzipiell in der Lage? Der Schluss von naturwissenschaftlich fassbaren Prozessen auf die Nicht-Existenz Gottes ist keinesfalls logisch oder gar zwingend. Wissenschaftliche Methoden sind ein Weg, die Wahrheit in bestimmten Fragen heraus zu finden. Wir wollen aber auch in anderen Bereichen die Wahrheit herausfinden. Genau genommen wollen wir mehr als das. »Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind«, um es mit den Worten eines Philosophen zu sagen, der an einen anderen Aspekt des menschlichen Strebens rührte, der über eine rein philosophische oder akademische Disziplin hinaus geht.

Wenden wir uns der religiösen Frage zu, stehen wir vor der Annahme – oder vielleicht ist es eine Unterstellung? und manchmal ist es ein Vorwurf, – dass die drei großen monotheistischen Religionen einen absoluten Wahrheitsanspruch haben. Einerseits wundert man sich über solch hochtrabende Anmaßung. Andererseits übersieht man ihn leicht bei anderen religiösen oder anti-religiösen Gruppierungen (und vielleicht auch ein bisschen bei sich selbst?) Die einen werfen „es gibt einen Gott“ in die Waagschale, die anderen „es gibt keinen Gott“. Die Waage scheint ausgeglichen, das Spiel ist unentschieden, belassen wir es doch dabei. Lasst uns essen und trinken, denn morgen sterben wir! Was soll das ganze Theater? Was geht uns Gott an?

Wie ich andeutete, war es vielleicht schon falsch, überhaupt von einem „Anspruch“ zu reden. Ich erhebe keinen Anspruch irgendeine Wahrheit in der Hand zu halten, zu besitzen, für mich gepachtet zu haben, oder dergleichen. Dennoch glaube ich in der Frage nach Gott zu wahren Überzeugungen gelangt zu sein. Ich glaube, Jesus Christus ist Gott. Ich glaube nicht nur, dass das ein sinnvoller Satz ist, sondern, dass er wahr ist.
Was hat das mit Wahrheit zu tun, wenn man es nicht ausdrücken kann, ohne das Wort „glauben“ zu verwenden? Vielleicht haben auch Sie als Kind in der Schule immer gehört, glauben heißt nichts wissen, und nicht wissen heißt ein Esel sein. In einem Gespräch mit Viktor Frankl sagte einmal Pinchas Lapide treffend: »Das Verhängnis ist, dass im Deutschen dem Wort „Glauben“ der schlechte Beigeschmack von Nicht-Wissen anhaftet. Wenn ich sage, ich glaube, dass Gott ist, so schwingt da immer mit: Ich weiß es aber nicht.« Und jener antwortete darauf: »Glaube wurde als eine Minus-Variante von einem geistigen Akt hingestellt. Ich glaube, gerade das Gegenteil ist richtig. Ich glaube nicht, dass der Glaube ein Denken vermindert um die Realität des Gedachten ist, sondern im Gegenteil, Glaube ist ein Denken vermehrt um die Existenzialität des Denkenden. Das bedeutet in Wirklichkeit, dass der Akt des Glaubens auf einem existenziellen Akt beruht.«
Anders ausgedrückt, zu sagen, ich glaube an etwas heißt, ich denke an etwas, dem in der Realität nichts entspricht – das ist falsch. Glaube an Gott hat mit einer existentiellen Wahrheit zu tun, die sich in meinem Leben verwirklicht. Diese Wahrheit ist Gott selbst – und das ist eine weitreichende These. Nicht nur widerspricht sie allen Antimetaphysikern, die eine unabhängig vom Menschen gedachte Wahrheit für Selbsttäuschung halten und die Realität für ein Konstrukt des menschlichen Geistes. Wobei sich die Frage erhebt, ob sich ein solches Weltbild nicht selbst der Wahrheitsfähigkeit beraubt und zur Beliebigkeit wird. Andererseits kann man fragen, ist nun Allah Gott, Jahwe Gott oder der Gott des Spinoza Gott? Niemand hat Gott je gesehen. Wenn es Gott gibt, wie ist er? Kann man das herausfinden und wie? Wie kommen Christen darauf, dass der Gott der Bibel wirklich Gott ist? Es heißt, Gott selbst müsse sich offenbaren und als Wahrheit bezeugen, der christliche Glaube sei ein Eingreifen Gottes in das Leben eines Menschen, ein Wunder und keine rationale Erkenntnis einer absoluten über alles erhabenen Wahrheit – aber ist er dann nicht selbst subjektiv und letzten Endes beliebig? Was ist mit den anderen Religionen? Alles nur von Menschen erfunden, um sich andere Menschen gefügig zu machen? Womit die Wahrheitsfrage zu einer Machtfrage und Religion von Standpunkt des politischen Mißbrauchs beurteilt wird.

Wie kommt es, dass sich in liberalen Demokratien dennoch eine Ordnung weitgehender individueller Religionsfreiheit durchgesetzt hat, die man gerne unter den berühmten Satz Friedrichs des Großen »Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden« stellen will (und man sollte hinzufügen: solange er nicht den Frieden gefährdet)? Gleichzeitig scheint religiöse Toleranz nicht gerade die charakteristische Tugend hinter der Gesinnung des preußischen Königs zu sein, wenn er in seinem politischen Testament erklärt:
»Geht man allen Religionen auf den Grund, so beruhen sie auf einem mehr oder minder widersinnigen System von Fabeln. Ein Mensch von gesundem Verstand, der diese Dinge kritisch untersucht, muß unfehlbar ihre Verkehrtheit erkennen. Allein diese Vorurteile, Irrtümer und Wundergeschichten sind für die Menschen gemacht, und man muß auf die große Masse soweit Rücksicht nehmen, daß man ihre religiösen Gefühle nicht verletzt, einerlei, welchem Glauben sie angehören.«

Es ist ja nicht unüblich, dass Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt wird. Aber Friedrichs Haltung drückt nicht einmal das aus, sondern Verachtung gegenüber den Gläubigen aller Religionen. Die Religiösen (manchmal auch religiöse Fanatiker oder Fundamentalisten genannt) sind nur eine große einfältige Masse, täuschen sich selbst, wiederholen stets die gleichen Phrasen und sind durch Argumente nicht zu überzeugen. Hier wird der Spieß umgedreht: Indem sie sich für weise ausgaben, sind sie zu Narren geworden. Und was muss man Narren gewähren? Narrenfreiheit natürlich!

Der Vorwurf der Narrheit ist uralt — manch ein Christ lässt sich gern als Narr um Christi willen bezeichnen. Aber mindestens ebenso alt ist die christliche Einsicht, dass ihre Erkenntnis nur Stückwerk ist. Ob der Glaube wahr ist oder nicht, ist dennoch keine vernachlässigbare Nebensache, nicht bloß ein Fürwahrhalten irgendwelcher Aussagen oder das Befolgen irgendwelcher Lehren. Es geht nicht um Geschmacksfragen, erhebende Gefühle, persönliche Sympathien oder Nutzenerwägungen, sondern um existenzielle Fragen, deren Antworten einander ausschließen. Ich will weder mit dem Evangelium zwangsbeglücken, noch jemanden auf den Himmel vertrösten oder mit der Hölle und ewigen Strafen drohen. Nicht, weil ich glaube, dass es das nicht gibt – das Gegenteil ist der Fall. Jesus Christus ist die existenzielle Wahrheit, in die mein ganzes Sein mit hinein gezogen wird. Mit meiner Behauptung Jesus ist der Herr, werfe ich meine ganze Existenz in die Waagschale und lasse mein Dasein sprechen. Eine Relativierung wie mein Weg ist Jesus und dein Weg ist der edle achtfache Pfad (wie man anders sagt: meine Mama ist für mich die beste Mama auf der Welt und deine Mama ist für dich die beste Mama auf der Welt) halte ich für ungültig. Die Betonung liegt nicht auf meinem „mein“, sondern auf dem göttlichen „Ich bin“. Hier gibt es keine Neutralität. Ich glaube an einen Gott, der den Menschen gebietet, dass sie alle allenthalben Buße tun sollen, weil er einen Tag gesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn auferweckt hat aus den Toten.
In der wahnsinnigen Anmaßung dieser Behauptung liegt ja gerade der Stein des Anstoßes und man kann fragen, wo hier Toleranz ihren Raum hat. – Ich meine nun, genau dort, wo man gefordert ist, die offensichtlichen Differenzen auszuhalten, ohne die eigene Position zu verwischen. Das Gegenteil wäre weder authentisch noch höflich noch intellektuell redlich. Tolerant sein heißt anzuerkennen, dass mein Gegenüber eine andere Meinung vertritt, ihn als Person mit einer eigenen Meinung zu bejahen und zu respektieren, während ich seine Meinung in der Sache ablehne. Und schließlich heißt Toleranz nicht: »Ich will das nicht hören. Schweigt!« oder »Du hast recht, ich habe recht, wir alle haben recht« oder »Es bestätigt, was wir schon immer gewusst haben: Alles viel zu schwierig. Man kann die Wahrheit überhaupt nicht erkennen!«

In der Begegnung mit Andersgläubigen ist genau das dornige Feld der Toleranz abgesteckt, auf den wir uns mit dieser Ausstellung begeben wollen. Wir laden Sie auf diese Reise mit uns zusammen ein. Lernen Sie verschiedene Religionen kennen und gehen Sie den „letzten Fragen“ auf den Grund.