Von ewigen Fragen

Es heißt auf den ersten Seiten des Handbuchs Weltreligionen von Metz (Hrsg): In der gesamten Menschheitsgeschichte lässt sich nachweisen, dass die Religion im Leben eine zentrale Stellung eingenommen hat. Das Geheimnis von Geburt und Tod und die tiefsten Fragen des Lebens haben die Menschen stets gedrängt, über sich hinaus zu greifen nach etwas oder jemand, der allem einen letzten Sinn geben kann.

Der britische Religionshistoriker Ninian Smart kleidete das menschliche religiöse Verlangen in fast poetische Worte:

»Niemand kann die Menschheit verstehen,
wenn er nicht ihre Religionen versteht.
Manchmal naiv,
manchmal durchdringend erhaben,
manchmal grob,
manchmal feinsinnig,
manchmal grausam,
manchmal von überwältigender Güte und Liebe durchdrungen,
manchmal die Welt bejahend,
manchmal sie verneinend,
manchmal nach innen gekehrt,
manchmal universalistisch und missionarisch,
manchmal seicht und oft tief
– die Religion hat das Leben der Menschheit vom Dunkel seines Ursprungs an durchdrungen.«

Religion prägt das Welt- und Menschenbild einzelner Menschen und ganzer Völker tiefgreifend. Es gab sie nicht nur in der gesamten Menschheitsgeschichte, sie ist auch ein weltweites Phänomen. Kaum ein Land auf der Weltkarte, in dem nicht irgendeine Religion zu finden ist. In Deutschland leben wir, so heißt es manchmal, in einer griechisch-jüdisch-christlich geprägten Kultur mit einer verfassungsrechtlich zugesicherten Religionsfreiheit und weltanschaulicher Neutralität des Staates. Der Begriff ist strittig. Es ließe sich ohnehin nicht in wenigen Worten sagen, was sich alles hinter dem Ausdruck „griechisch-jüdisch-christlich“ verbirgt, der die Einflüsse der römischen Gesetzgebung und des römischen Staatswesens, der Islamischen Expansion, der Konfrontation mit außereuropäischen Kulturen in Folge der Kolonialisierung, der Aufklärung, der Globalisierung und und und nicht erfasst. Eindrücke, die ineinandergreifend tiefe Spuren in das europäische Antlitz geprägt haben.

Versetzen wir uns gedanklich in ein anderes Land, in das hinduistische Indien oder in sein Nachbarland Pakistan, das die erste Islamische Republik ausrief, oder nach Arabien oder in irgendein islamisches Land, oder in das buddhistische Tibet, oder in einen polynesischen Stamm, oder nach Albanien, das einst einen totalen Religionsverbot und den ersten atheistischen Staat der Welt ausrief (und inzwischen aufgehoben hat), in die ehemalige Sowjetunion oder nach Nordkorea. Natürlich ist diese Auswahl nicht zufällig. Religiöse und weltanschauliche Überzeugungen schlagen sich im Leben der Menschen in einer Gesellschaft nieder. Wie sie das Leben strukturieren, was sie tun, wonach sie streben, welche Ziele sie sich setzen, die Stellung der Frau, der Umgang mit Kindern, mit Ausländern, mit alten und kranken Menschen, das Arbeitsethos, das Vorhandensein sozialer Institutionen wie Krankenhäuser, Schulen, Armenhilfe, kultureller und wissenschaftlicher Einrichtungen, usw. usf.

Religion hat noch eine andere Seite. Menschen stellen nicht nur praktische Fragen, die ihren besonderen Platz in der Gesellschaft betreffen. Es geht vielfach überhaupt nicht darum, welchen Nutzen man aus irgendwelchen Einsichten ziehen kann, auch nicht um die Befriedigung einer intellektuellen Neugier oder allein den Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis. Religiöse Fragen sind ein Ausdruck des menschlichen Verlangens, über seine bloße, relative Existenz in der materiellen Welt und über das Alltägliche hinaus zu greifen. Ist dieses Leben alles oder gibt es etwas mehr? Ist diese Welt, das was ich mit meinen Sinnen und mit meinem Verstand wahrnehmen und erforschen kann, alles oder gibt es mehr? Wer bin ich? Alberne Frage! Was ist der Mensch? Was geschieht nach dem Tod? Wenn der Mensch aufhört, diese Fragen zu stellen, dann hört er auf, religiös zu sein. Dann werden Religionen verschwinden.

Was aber ist Religion? Was war die erste Religion des Menschen? Wie sind Religionen entstanden und wie haben sie sich entwickelt? Fragen, auf die es keine eindeutige allgemeingültige Definition oder Antwort gibt. Vom akademischen Standpunkt aus betrachtet ist Religion ein riesiges Forschungsfeld und beschäftigt Wissenschaftler aller möglichen Disziplinen. Die Fragen und die Antworten hängen vom Blickwinkel des Betrachters ab – manchmal, welche Wissenschaft die Religion untersucht und manchmal auch, welcher Ideologie der Antwortende selbst anhängt. Beispielsweise würden ein Soziologe, ein Psychologe, ein Anthropologe und ein Historiker, als Wissenschaftler und Experten ihres Fachs, solche Fragen etwas unterschiedlich beantworten. Jeder von ihnen untersucht andere Aspekte und wendet dabei die speziellen Methoden seiner Wissenschaft an. Der Wissenschaftler hat bestimmte Theorien und bestimmtes Vorwissen über das, was er untersucht und beobachtet, die auf die Interpretation der gewonnenen Daten zurückwirken – auf das, was er schließlich glaubt untersucht und beobachtet zu haben. Dass Beobachtungen und Erkenntnisse gerade auf einem Gebiet wie Religion theoriebeladen sein können, zeigen folgende einflussreiche religionskritische Thesen, die sich fortwährender Popularität erfreuen:

  • Marx leitete die Religion einzig aus ökonomischen Sachverhalten her und führte sie auf politische Zustände der Gesellschaft zurück. Von ihm stammt die Aussage Religion ist Opium für das Volk.
  • Freud – aus sexuellen Gegebenheiten. Bei ihm lag die Triebkraft des menschlichen Geistes in der Libido, einer Art sexueller Energie. Die Idee der Gottesfigur hat ihren Ursprung in der Beziehung zwischen Kind und menschlichem Vater.
  • Feuerbach vertrat die Auffassung, dass Aussagen über Gott in Wirklichkeit Aussagen über den Menschen sind. Er verstand Religion als eine Projektion. Der Mensch neige dazu, Ideen über Gott zu konstruieren und dann diese Ideen als eigenständige Realität zu betrachten.
  • Nietzsche beobachtete zu welcher Schäbigkeit und Bedeutungslosigkeit Moral in einer materialistisch gewordenen Gesellschaft herabgesunken war und hat den Zusammenbruch aller geltenden moralischen und religiösen Normen erwartet. Er kam zu der Aussage, dass Gott tot ist, wir haben ihn getötet. An Stelle Gottes wird einst der Übermensch treten.
  • Nach C.G. Jung ist die menschliche Seele von Natur aus religiös. Der Mensch hat einen göttlichen Kern, der Gott in uns, ein Mysterium, welches nicht eigenständig, losgelöst vom Menschen existiert.
  • Max Weber sah die Quelle der Religion im metaphysischen Bedürfnis des menschlichen Geistes, dem Weltgefüge in seiner Gesamtheit und seinem eigenen Dasein darin einen Sinn zu geben. Religionen sind unabhängig von politischen, ökonomischen oder sozialen Bedingungen aus Sinnsuche verbunden mit spiritueller Erfahrung hervorgegangen.

Zur Entwicklung von Religion werden (hier stark vereinfacht) zwei entgegengesetzte theoretische Erklärungsmodelle angegeben. Ein Ansatz orientiert sich an der Evolutionstheorie, die grob gesprochen besagt, dass das Leben sich vom Einfachen zum Komplexen entwickelt hat. So hätten sich auch Religionen entwickelt: Vom Animismus der primitiven Kulturen, den Stammesreligionen zum Polytheismus, der vom Monotheismus und später dem Atheismus der hochentwickelten Kulturen abgelöst wurde. Der andere Ansatz kehrt das ganze um: Am Anfang war der Monotheismus mit Tieropfern, der sich dann über den Polytheismus zum Animismus entwickelte.
Andere Modelle betrachten die Religionen kulturrelativ, in Anlehnung an die biologische Evolution, die von einem nicht zielgerichteten Wandel ausgeht. Sie stellen die Religionen nicht auf hierarchische Entwicklungsstufen, sondern als gleichrangig nebeneinander. Denn auch die biologische Evolution geht nicht von einem Fortschritt oder Höherentwicklung aus, sondern von ungerichteter Veränderung.

Wie haben sich nun religiöse Überzeugungen und das Denken über Religion in Europa in den vergangenen 500 Jahren entwickelt?

Im 16. Jahrhundert war es für die meisten Menschen unvorstellbar, nicht an Gott zu glauben. Die einzige wahre Religion war das lateinische Christentum und der Gott der römisch-katholischen Kirche – der allein wahre Gott. Nur das durfte offiziell geglaubt werden und es musste geglaubt werden. Die wenigen Atheisten blieben stumm. Mit der Reformation begann sich dieses Gefüge zu lösen, eine neue Zeit brach an, man gestand einander immer mehr Freiheit im Denken und im Glauben zu.

Im 19. Jahrhundert gab Darwins revolutionäre Evolutionstheorie den Religionswissenschaftlern und Philosophen ein theoretisches Erklärungsmodell. Man begann den Religionen eine evolutionäre Entwicklung zugrunde zu legen. Auf die unterste Entwicklungsstufe stelle man die (primitiven) Stammesreligionen und ganz oben sah man die (hochentwickelten) monotheistischen Religionen. Es ist interessant zu beobachten, dass dieses Modell von denjenigen aufgestellt wurde, die sich selbst auf die höchste Entwicklungsstufe stellten.

Mit der Zeit lernte man die fremden Völker, die vielfältigen Kulturen und ihre mannigfachen religiösen Überzeugungen besser kennen und als je für sich wertvoll zu schätzen. Jede Religion schien ihren besonderen Platz auf der Weltkarte zu haben und sich in ihren jeweiligen Kulturkreis einzufügen. Die Erdkugel malte man sich mit einen wunderbar bunten Teppich der Religionen bedeckt aus und ging dazu über, sie alle als gleich wahr zu betrachten. Sie alle haben einen gemeinsamen wahren Kern und eine unterschiedliche im Grunde überflüssige Schale, die ein aufgeklärter Mensch getrost subtrahieren kann.

Heute ist die vorherrschende Meinung, dass alle Religionen gleich falsch sind und in der Entwicklung des menschlichen Geistes irgendwann durch die Wissenschaft abgelöst und damit für den Menschen bedeutungslos werden. Den Anspruch auf dem Siegertreppchen der evolutionären Entwicklung zu stehen, möchten daher einige allein dem Atheismus einräumen. Das Blatt hat sich gewendet. Während es früher unvorstellbar war, nicht an Gott zu glauben, ist es heute unvorstellbar, das zu tun. Weder der Unglaube noch der Glaube an Gott erscheint nun selbstverständlich und automatisch wahr. Bringt das beide Seiten in Erklärungsnot? Betrachten wir das als eine Einladung, sich mit der eigenen Position im Lichte der Überzeugungen anderer auseinander zu setzen.