Die einzigartige Geschichte eines Ortes

In diesem und folgenden Beiträgen begeben wir uns auf die Spurensuche in Schwalmstadt-Trutzhain und sehen, wie die Geschichte dieses Ortes ein Vorbild für den Umgang mit Flucht und Vertreibung werden kann.

Bei der Recherche zu der ungewöhnlichen Entstehung der Ortschaft Trutzhain fiel mir vermehrt auf, dass es in der Geschichte der Entwicklung des Ortes erstaunlich viele Parallelen zur jetzigen Zeit gibt. Das Dorf entstand aus einer Flüchtlingskrise, die nach dem 2. Weltkrieg stattgefunden hat, als viele Menschen als Folge des schrecklichen Krieges ihre Heimat verließen, um ein neues Heim in der Fremde zu finden und dort glücklich zu werden. Genau so ist es in der jetzigen Zeit auch. Viele Menschen verlassen ihre Heimat in Afrika oder Zentralasien in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Verfolgung und ohne Krieg.

Wir können uns ein Beispiel daran nehmen, dass die Schwälmer der damaligen Zeit die Flüchtlinge und Vertriebenen freundlich aufnahmen und ihnen die Möglichkeit gaben, eine Ortschaft zu gründen, in der sie gut und gerne leben können. Wir müssen den Flüchtlingen nicht unbedingt eine Ortschaft geben, aber stattdessen ein Deutschland, in dem sie das finden, was sie zur Flucht bewegt hat.

Wie entsteht in der Nachkriegszeit aus einem Kriegsgefangenenlager ein Dorf, das heute ein fester Bestandteil der Stadt Schwalmstadt ist?

Rückblick 1939-1949 – Vom Stalax IX A Ziegenhain zum Ort Trutzhain

Alles begann 1939 damit, dass während des 2. Weltkrieges ein Kriegsgefangenenlager für italienische, russische und französische Kriegsgefangene errichtet wurde. Es stand an einem Wald nahe den beiden Städten Ziegenhain und Treysa im damaligen Kreis Ziegenhain. Genannt wurde es Stalax IX A Ziegenhain. Nach dem Ende des Weltkrieges wurde in den Jahren 1945 und 1946 aus dem Kriegsgefangenenlager das Civil Internment Camp 95 Ziegenhain. Es gehörte der amerikanischen Armee. Dort wurden Mitglieder der NSDAP, der SA, der SS und deutsche Wehrmachtssoldaten untergebracht. Kurze Zeit später wurde dieses aber auch aufgelöst und an seiner Stelle folgte Anfang August 1946 das DP-Lager 95-443 Ziegenhain. Dort kamen bis 1949 ungefähr 200.000 osteuropäische Juden hin, die hier auf die lang ersehnte Reise in die Vereinigten Staaten, nach Großbritannien oder Palästina warteten. Es war jetzt also nur eine Art Zwischenstation. Doch offiziell wurde das DP-Lager schon 1947 aufgelöst. Ab dann nämlich diente das Gelände dem Kreis zur Ansiedlung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Und an dieser Stelle beginnt die Geschichte, die ich erzählen möchte.

An dieser Stelle soll noch beigefügt sein, dass ich die einzelnen Abschnitte des folgenden Artikels so verfasste, dass es so wirkt, als wären sie parallel zum Geschehen verfasst worden.

Das Stalax IX A Ziegenhain