Reflexion über Eichmann in Jerusalem

Am 29. Mai 1962 richtete Adolf Eichmann einen Gnadengesuch an den israelischen Staatspräsidenten Yitzhak Ben Zvi.
Eichmann zeigte bis zuletzt keine Reue und berief sich darauf, dass er „lediglich Instrument der Führung“ war, aus Gehorsam Befehle ausgeführt und niemals eigenhändig einen Menschen getötet habe. Seinem Gnadengesuch 1 Link zu den digitalisierten Dokumenten des Gnadengesuchs Eichmanns. wurde nicht statt gegeben. Eichmann wurde in der Nacht vom 31. Mai 1962 hingerichtet. Es war das erste und letzte Mal, dass Israel die Todesstrafe vollstreckte.

Bei dem Gedanken an den Eichmann-Prozess kommt man nicht umhin, Hannah Arendt zu Wort kommen zu lassen. Im Rückblick auf die Nazi-Verbrechen schreibt sie: „[…] die grundlegende Annahme aller Moralphilosophie, es sei besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun, einschließlich der Überzeugung, dass sich dieser Satz für jede gesunde Person von selbst versteht, [hat] dem Sturm der Zeit nicht standgehalten.“ 2 „Some Questions of Moral Philosophy“, eine Vorlesung, die Hannah Arendt 1965 an der New School for Social Research in New York gehalten hat. Der Text wurde auf Deutsch unter dem Titel „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ im Piper Verlag veröffentlicht. Falls nicht anders angegeben, sind die Zitate von Arendt aus dieser Vorlesung.

Heute kann man sich eigentlich nur wundern, dass diese Annahme, die auf einen Philosophen aus der Antike zurück geht, einschließlich der Überzeugung jemals so selbstverständlich gewesen sein soll. Arendts Vorlesung (ein posthum veröffentlichtes Manuskript aus dem Jahr 1965) wirft enorm viele Fragen auf. Das ist keine Buchrezension und keine Kritik, sondern teils eine Zusammenfassung und teils ein Versuch, mich mit ihrer Hilfe an die großen Fragen anzunähern, die sich angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen in der Nachkriegszeit neu gestellt haben, nämlich: Was ist die Natur des Bösen? Wie unterscheidet der Mensch Recht von Unrecht? Und was hält ihn davon ab, Unrecht zu tun?

Arendt geht es nicht um das universal Böse, sondern um die NS-Verbrechen in ihrer Einzigartigkeit. Es interessieren nicht die gewöhnlichen Verbrechertypen, „Menschen mit mörderischen Instinkten“, die unter dem Nazi-Regime „ungestraft das tun konnten, was sie sich schon immer wünschten“, sondern die ganz normalen Menschen, keine Verbrecher, die aber von staatlicher Autorität geforderte Verbrechen begangen hatten (»Mitmachen«), wenn auch nicht immer aus Überzeugung, und diejenigen, „die schwiegen und Dinge zuließen, als sie eine Stellung innehatten, in der sie hätten reden können“ (»Weggucken«). Die Gerichtsprozesse gegen die NS-Täter halfen nicht dabei diese Fragen zu klären, nun versucht sie es mit der Philosophie.

Die Vorlesung zerfällt grob in zwei Teile. Der erste ist ein Abriss der (westlichen) Philosophie von Sokrates bis Kant – die beiden Philosophen sind so etwas wie die Eckpfeiler in der ganzen Betrachtung, in der HA die Gedanken anderer Philosophen vor und nach Kant teilweise nur beiläufig einflechtet. Insgesamt kommen über zwei Dutzend andere Philosophen zu Wort sowie einige große Schriftsteller. Nietzsche spielt eine wichtige Nebenrolle, obwohl Arendt durchblicken lässt, dass seine Ethik ihr zu billig ist und seine Philosophie nicht den Namen verdient. Vor allen anderen habe er aber gezeigt, dass das ganze Gerede von Moral ein Schwindel ist; er sah den vollständigen Zusammenbruch aller moralischer und religiöser Normen voraus, der sich später in Nazi-Deutschland ereignete. Tatsächlich habe man nicht einmal, sondern zweimal den totalen Zusammenbruch einer moralischen Ordnung erlebt. Erstens den Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben in Hitler-Deutschland und zweitens die plötzliche Rückkehr zur Normalität in Nachkriegsdeutschland. Das ist nur ein Aspekt des vor uns liegenden moralischen Problems. Der NS-Massenmord war nicht einfach nur ein Austausch einer Moral durch eine andere Moral, einer „guten“ Moral gegen eine „böse“ Moral; es war die Negation der Moral als solcher, indem der Mensch als Mensch für überflüssig erklärt wurde.

Im zweiten Teil wechselt Nietzsche zu einem der Hauptredner und mit ihm christliche Denker. Und das ist vielleicht das Überraschendste an ihrer dediziert philosophischen Untersuchung, dass sie die Religion ins Gespräch bringt, obwohl sie nach ihrem Verständnis in der Moralphilosophie keinen Platz hat. Dass Arendt trotzdem gerade hier nach Antworten sucht, zeigt, wie sehr sie darum bemüht war, die Problematik ohne Scheuklappen zu ergründen, während sie sich gleichzeitig des Versagens der Kirchen und der Religion, die unter den Nazis „zur privatesten aller privaten Angelegenheiten“ wurde, bewusst war. Aber sie war sich eben auch des Versagens der gebildeten Eliten bewusst, die sich ebenso gleichschalteten und wie selbstverständlich mit den Nazis kollaborierten.

Im ersten Teil wird versucht, sich an die Aufgabenstellung mit der Philosophie der Vernunft und des Denkens, nach Kant und nach Sokrates, anzunähern. Moralität wird aus bestimmten Vorstellungen der Vernunft bzw. des Denkprozesses abgeleitet; das Selbst gilt dabei als höchstes Maß, nicht mein Gegenüber – „was wirklich sehr überraschend ist […] es geht bestimmt nicht um die Sorge für den Anderen, sondern um die Sorge für das Selbst“. Hier geht es u.a. darum, die Natur des Bösen zu ergründen und wie ich das Böse vermeide.

Der zweite Teil der Vorlesung widmet sich dem Willen, der nach der „traditionellen Interpretation“, die Arendt aufgreift, zwei Funktionen hat und in sich selbst gespalten ist. Die beiden Funktionen sind eine schiedsrichterliche, die urteilt, und eine kommandierende, der den Handlungsimpuls auslöst. Nicht die Vernunft oder das Begehren bewegt mich zu Handeln, sondern der Wille, der wie ein Schiedsrichter zwischen Gründen der Vernunft und des Begehrens entscheidet, ohne ihnen selbst unterworfen zu sein. Mehr als im ersten Teil werden hier vor allem Nietzsche und christliche Philosophen und Denker herangezogen und miteinander ins Gespräch gebracht. Hier geht es u.a. um die Frage nach der Natur des Guten – was mich dazu bringt, Gutes zu tun.

Was sind nun die Antworten der Philosophie und der Religion?

Anmerkungen   [ + ]

1. Link zu den digitalisierten Dokumenten des Gnadengesuchs Eichmanns.
2. „Some Questions of Moral Philosophy“, eine Vorlesung, die Hannah Arendt 1965 an der New School for Social Research in New York gehalten hat. Der Text wurde auf Deutsch unter dem Titel „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ im Piper Verlag veröffentlicht. Falls nicht anders angegeben, sind die Zitate von Arendt aus dieser Vorlesung.