Die Erklärungsversuche der Philosophie und der Religion

Arendt ist der Ansicht, dass es seit der Antike bis Kant keine richtige Moralphilosophie gab.

Die Philosophie in der Zeit dazwischen fand immer im Rahmen der christlichen Religion statt und hier gab es keine Unterabteilung Moral, ethische Fragen wurden nur am Rande diskutiert. Wo immer aber die „Offenbarungsreligion im hebräisch-christlichen Sinn“ den Maßstab für menschliches Verhalten vorgibt, habe die Moralphilosophie keinen Platz. Damit schließt sie sich Kant an, der Moral als eine „rein menschliche Angelegenheit“ ansah und moralische Gesetze nicht göttlichen Ursprungs. Wohl kannten auch die antiken Philosophen das Göttliche, aber sie haben keine moralischen Regeln daraus abgeleitet. Ihre Schriften seien zwar „voller weiser Ratschläge“, doch wird man dort nie „ein wirkliches, letztlich unbegründetes Gebot finden“. Im Gegensatz dazu kommen christliche Philosophen immer an den Punkt einzugestehen, dass der letzte Grund, warum ein Gebot zu befolgen ist, in Gott liegt. Und das kann „nur im Rahmen geoffenbarter Religion eine schlüssige Antwort sein.“ Kant habe sich (als erster) davon verabschiedet.

Also richtet sie sich mit ihren Fragen an Sokrates und Kant – jeder auf seine Weise ein Philosoph wie er im Buche steht.
Der einzige Maßstab für moralisches Urteilen ist bei beiden innerhalb des Menschen zu suchen, es ist das menschliche Selbst. Gott muss außen vor bleiben. Es bedarf auch keiner Wissenschaft und Philosophie, „um zu wissen, was wir zu tun haben, um ehrlich und gut … zu sein“, so Kant (zitiert nach Arendt). Im moralischen Handeln kümmern sie nicht die anderen Menschen, sondern vielmehr sie selbst. Kants Philosophie läuft darauf hinaus, die Selbstachtung aufrechtzuerhalten, Sokrates will den Selbstwiderspruch vermeiden.

In der „moralischen Sorge um das Selbst“ erblickt Arendt eine Übereinstimmung zwischen philosophischem und religiösem Denken. Denn auch die religiös-begründeten Gebote kommen ohne den Rückgriff auf das Selbst nicht aus, man denke an das Gebot „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Somit haben alle drei – das christliche Gebot der Nächstenliebe, Kants Formel und Sokrates‘ Behauptung – „das Selbst und damit das Zwiegespräch des Menschen mit sich selbst zum Maßstab“. Im weiteren Verlauf bemerkt sie die „erstaunliche Tatsache“, dass die vorchristliche antike Philosophie (nach meinem Verständnis vor allem die platonische) dasselbe Vokabular verwendete und ähnliche Gedanken entwickelte wie die christliche Religion nach ihnen. Hier und dort gibt es einen Bezug auf das Selbst, die Androhung von Strafen, Mythen eines Jenseits, Diskussionen der Natur der Seele, und der Bedeutung der Zucht und des Gehorsams für den Menschen. – Man will über Moral in säkularisierten Begriffen reden und stellt fest, dass auch die alten griechischen Philosophen Lehren von der Hölle, vom Fegefeuer und Paradies, vom Jüngsten Gericht, von Belohnungen und Strafen verbreiten, zwischen verzeihlichen und unverzeihlichen Sünden unterscheiden… „wonach Sie umsonst suchen werden, ist die Vorstellung, dass Sünden vergeben werden können.“ – Das ist nun wirklich biblischen Ursprungs.

Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, will ich vorwegschicken, dass Arendt in der Summe fest stellt, dass die ganze Philosophie, die sie vor sich ausgebreitet hat und nun nachdenklich betrachtet, im Hinblick auf ihre eingangs genannten Fragen von Annahmen ausgeht, die die Vernichtungslager des Nationalsozialismus widerlegt zu haben scheinen. Zu den fraglichen Annahmen gehören,

  • dass es eine Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht gibt und diese absolut ist,
  • dass jeder vernünftige Mensch, der einfachste und hochgebildete, die Fähigkeit in sich trägt, diese Unterscheidung zu treffen,
  • dass moralische Sätze axiomatisch sind. Obwohl sie nicht bewiesen werden können, besitzen sie einen Zwangscharakter für die menschliche Vernunft,
  • dass es für den Menschen unmöglich ist, vorsätzlich schlechte Dinge zu tun, das Böse um des Bösen willen zu wollen.

Damit ist nicht gesagt, dass sie selbst alle diese Annahmen für falsch hält. Vielmehr stellt sie die Frage, ob das Problem des Bösen überhaupt mit einem philosophischen Zugang erschlossen werden kann. Die Moralphilosophie weicht der menschlichen Schlechtigkeit aus und war unfähig, hinreichende rationale Gründe zu liefern, die es rechtfertigen würden, an ihren eigenen unbeweisbaren Sätzen festzuhalten. Einen Rückgriff auf Gott, ein Jenseits oder metaphysische Erklärungen lehnt Arendt ab. Aber auch die, die nur innerhalb des Menschen nach Antworten suchen, begeben sich ab einem gewissen Punkt schließlich selbst außerhalb des Rahmens eines rationalen Diskurses.

„Anscheinend gehört das Böse ähnlich wie die Freiheit zu jenen Dingen, über die auch die gelehrtesten und klügsten Menschen so gut wie nichts wissen können.“ – äußert sie in ihrem letztem, nicht fertig-gestellten, unveröffentlichten Manuskript. 1Das Böse und die Verantwortung. Hannah Arendt über Adolf Eichmann, Vortrag von Prof. Dr. em. Antonia Grunenberg (2016): https://www.youtube.com/watch?v=jI38oVyRBw8. Ich zitiere ausschnittsweise und teils verkürzt. Und weiter: „Das ganze Problem des Bösen hat die Philosophie nicht in Ruhe gelassen. Doch ihre Lösungsversuche waren nie sehr erfolgreich gewesen. Entweder wird dem Bösen die wahre Wirklichkeit abgesprochen, es existiert nur als eine Mangelform des Guten. Das Böse ist das Nicht-Gute. Beispiel: Übeltäter sind nicht böse, sie sind nur vom rechten Weg abgekommen. Oder das Böse wird in der Philosophie als eine Art optischer Täuschung wegerklärt. Demnach liegt der Fehler bei unserem beschränkten Verstand, der manches Einzelne nicht richtig in das umfassende Ganze eingliedern kann, durch den es gerechtfertigt würde. Beispiel: Eine Tat halte ich nur deshalb für böse, weil ich die Zusammenhänge außer acht lasse, die aus der bösen Tat im größeren Kontext eine gute Tat machen würden, nach dem Motto »Der Zweck heiligt die Mittel«. […]
Über Jahrhunderte hinweg wurde gestritten, was das Böse sei und woher es komme. […]
Das Böse, so haben wir gelernt, ist etwas Dämonisches, seine Verkörperung ist der Satan, der vom Himmel fällt (Lukas 10,18) oder Luzifer, der gefallene Engel, dessen Sünde der Hochmut ist, jene Superbia, zu der nur die Besten fähig sind. Sie möchten Gott nicht dienen, sondern sein wie er. Böse Menschen, so heißt es, handeln aus Neid, sei es aus Enttäuschung darüber, dass ihnen der Erfolg ohne eigenes Verschulden versagt blieb (Shakespeare, Richard III) oder aus dem Neid eines Kain, der Abel erschlug oder sie handeln aus Schwäche (Shakespeare, Macbeth) oder umgekehrt aus jenem mächtigen Hass heraus, den das Böse für das reine Gute empfindet, oder aus Begierde, der Wurzel aller Übel.
[Bezug nehmend auf Adolf Eichmann:] Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der offenbaren Seichtheit des Täters […] die Taten waren ungeheuerlich, doch der Täter ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich. Nichts an ihm deutete auf feste ideologische Überzeugungen oder besondere böse Beweggründe hin. Das einzige bemerkenswerte an seinem Verhalten war etwas rein negatives, nicht Dummheit, sondern Gedankenlosigkeit.“ 2Das Böse und die Verantwortung. Hannah Arendt über Adolf Eichmann, Vortrag von Prof. Dr. em. Antonia Grunenberg (2016): https://www.youtube.com/watch?v=jI38oVyRBw8. Ich zitiere ausschnittsweise und teils verkürzt.

In diesen Worten klingt auch Arendts Kritik an religiösen Erklärungsversuchen an. Das Böse als Versuchung darzustellen, die an mich herantritt – „Ich werde versucht, Böses zu tun, und ich muss mich anstrengen, Gutes zu tun“ – geht an der Realität vorbei. Tatsache ist, dass das genaue Gegenteil ebenso vorkommt: „Ich werde versucht, Gutes zu tun, ich muss mich anstrengen, Böses zu tun“. „Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen – es trat nicht mehr als Versuchung an den Menschen heran. Viele Deutsche und viele Nazis […] hatten wohl die Versuchung gekannt, nicht zu morden, nicht zu rauben, ihre Nachbarn nicht in den Untergang ziehen zu lassen […]. Aber sie hatten, weiß Gott, gelernt, mit ihren Neigungen fertig zu werden und der Versuchung zu widerstehen.“3Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht über die Banalität des Bösen

Im Dritten Reich hatte auch das Gewissen, von dem manche annehmen, dass es soetwas wie ein Organ sei, das die Stimme Gottes höre, die zu allen Menschen gleich spricht, seine Funktion verloren. Bei Eichmann wie vielen anderen Nazis war es genau nach der entgegengesetzten Seite ausgerichtet, es schlug, wenn sie dem Führerbefehl nicht gehorchten. Insofern sagt das Gewissen lediglich etwas über Anpassung oder Nicht-Anpassung aus.

Immerhin geht die Religion von der Verdorbenheit des Menschen aus. Es wäre allerdings verfehlt, bei Adam und Eva nach den Ursachen für die Taten der Nazis zu suchen und daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, dass es einen „Eichmann in jedem von uns“ gibt, „jeder an seiner Stelle so gehandelt“ hätte, die „ganze Christenheit schuldig“ geworden sei und folglich keiner sich ein Urteil erlauben dürfe – eine Haltung die sie in Nachkriegsdeutschland beobachtete. Vor der Katastrophe, als der Staat die Zehn Gebote in ihr Gegenteil verkehrte und das Verbrechen forderte, hielt es offensichtlich niemand für angebracht, mit einem rächenden Gott oder möglichen Strafen im Jenseits zu drohen. Nachträglich öffentlich von Schuldgefühlen zu sprechen, „wenn man absolut nichts getan hat, ist weiter kein Kunststück. Es gibt sehr wenige Menschen, die imstande sind, wirklich begangenes Unrecht einzusehen – von Reue und Scham ganz zu schweigen.“ 4Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht über die Banalität des Bösen

So liegen also die Dinge. Beginnen wir mit Kant.

Anmerkungen

1, 2 Das Böse und die Verantwortung. Hannah Arendt über Adolf Eichmann, Vortrag von Prof. Dr. em. Antonia Grunenberg (2016): https://www.youtube.com/watch?v=jI38oVyRBw8. Ich zitiere ausschnittsweise und teils verkürzt.
3, 4 Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht über die Banalität des Bösen