Sokratische Moral für Krisenzeiten

Nun zu Arendts Interpretation1 Das heißt, so wie ich sie verstehe. Hierbei beziehe ich mich auf ihre Vorlesung, ihren Prozessbericht Eichmann in Jerusalem und das Interview mit Joachim Fest. des sokratischen Denkprozesses und seine Anwendbarkeit auf moralische Urteile unter den Bedingungen eines totalitären Regimes.

Hier muss man von allen Argumenten, die Sokrates darbringt, die Überzeugungs-Mythen und Gleichnisse abziehen, die immer dann kommen, wenn Sokrates argumentativ von einem Dilemma steht und nicht einmal mehr seine eigenen Schüler zu überzeugen vermag. Diesen metaphysischen Überhang schreibt HA nämlich allein Platon zu. (Was dann noch von Sokrates übrig bleibt?)

Hannah Arendt hat bei dem Gedanken an die Nazi-Verbrechen gewöhnlich gesagt: „Dies hätte niemals geschehen dürfen; denn die Menschen werden unfähig sein, es zu bestrafen oder zu vergeben.

Warum kann man diese Taten weder bestrafen noch vergeben?

A [=Arendt]: Das ist zunächst einmal meine Weise, der Konfrontation mit dem Horror selbst in seiner nackten Monstrosität Ausdruck zu verleihen. Beim dem Versuch es mit Hilfe der Geistesgeschichte einzuordnen, komme ich auf Sokrates‘ Aussage „Es ist besser Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun“. Wenn wir hier das Kriterium des Mit-sich-selbst-Lebens zugrunde legen, kann der Handelnde angesichts des Unrechts nicht mehr sagen als: „Das kann ich nicht tun“, oder wenn er die Tat bereits ausgeführt hat: „Dies hätte ich niemals tun dürfen“. Damit deutet er an, dass er schon vorher Unrecht getan haben könnte, jedoch ohne unheilvolle Folgen, die man nicht durch Vergeben oder Bestrafen loswerden kann.
Hinter diesen Überlegungen steht die Vorstellung, dass, indem der Täter bestraft oder ihm vergeben wird, eine gestörte Ordnung wieder hergestellt werden kann. Nach Platons Verständnis hat das Bestrafen gleichzeitig heilsame Wirkung für den Täter selbst. Aber genau das ist bei den Taten, um die es hier geht, nicht möglich.
Die Nazi-Verbrechen sind Straftaten, von denen wir nur noch sagen können: „Dies hätte nie geschehen dürfen.“ Von dieser Behauptung ist es nur noch ein Schritt zu der Schlussfolgerung, dass der Täter niemals hätte geboren werden sollen. Hierbei denke ich an eine Unterscheidung, die Jesus von Nazareth zwischen Übertretungen macht, die ich „am Tage sieben Mal“ [Lukas 17,4] vergeben soll, und jenen Straftaten, bei denen es für den Täter besser wäre, „dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer.“ [Matthäus 18,6] Es ist ein Unterschied zwischen bloßen Übertretungen und den tödlichen „skandala“ [das griechische Wort, das in Matthäus benutzt wird]. Für das Wesen dieser zweiten Kategorie von Straftaten gibt Jesus nichts weiter an, als dass sie ein unüberwindbares Hindernis seien, ein „Stolperstein“, den menschliche Kraft durch Vergeben oder Bestrafen nicht wiedergutmachen kann. An dieser Stelle könnte man den Bibeltext so interpretieren, als hätte sich der Täter selbst ausgelöscht, denn es heißt, es wäre „ihm“, für ihn, besser, wenn er nie geboren worden wäre. Das Kriterium ist nicht das Selbst, ob es nun ertragen kann oder nicht, mit sich zu leben, sondern die Tat und ihre Folgen. Der Täter ist jemand, der die Weltordnung als solche verletzt hat und nicht jemand, der nach platonischer Vorstellung durch Strafe gebessert werden kann. Er ist, um es wieder mit Jesus zu sagen, wie das „Unkraut auf dem Felde“, mit dem man nichts anderes machen kann, als es zu verbrennen.

In den Nachkriegsprozessen wurden die NS-Verbrecher trotzdem schuldig gesprochen und bestraft. Und trotzdem gibt es die Möglichkeit der Begnadigung, die in einem Rechtsstaat ja nicht nur eine rein theoretische ist.

A: Da geht es um die juristische Seite, nicht die moralphilosophische und nicht die persönliche.
Strafverfolgung ist bei schweren Delikten obligatorisch, auch wenn der Geschädigte bereit ist, zu vergeben und zu vergessen. Tatsächlich erwies es sich im Rahmen des Strafrechts keineswegs als einfach, ein Urteil zu begründen. Es sind keine gewöhnlichen Verbrecher und kein gewöhnliches Verbrechen. Mit den üblichen juristischen Begriffen und strafrechtlichen Kategorien («gerichtsfreier Hoheitsakt» und Handeln «auf höheren Befehl») konnte man das nicht erfassen. Es wäre eine Neubewertung rechtlicher Kategorien notwendig, die bis heute nicht erfolgt ist. Bei genauem Hinsehen, urteilten die Richter in all diesen Prozessen eigentlich nur auf Grund der ungeheuerlichen Tatbestände des staatlich organisierten Verwaltungsmassenmords, also gewissermaßen frei und nicht nach rechtlich festgesetzten Maßstäben.
Rechtlichen und moralischen Fragen ist gemeinsam, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf die Person des Einzelnen richten, nicht auf Riesenbürokratien, Systeme oder Organisationen. Die ganze Rad-im-Getriebe Theorie ist juristisch belanglos. Im Gerichtssaal mutet man dem Angeklagten Verantwortung zu. Das fast automatische Abwälzen von Verantwortung, wie es in der modernen Gesellschaft üblich ist, kommt in dem Augenblick, in dem Sie einen Gerichtssaal betreten, plötzlich zum Stillstand. Vor dem Richter werden alle Räder und Rädchen im Getriebe automatisch wieder in Täter, also in Menschen, zurückverwandelt. Unterstellte man den Tätern ein funktionierendes Gewissen, das sie befähigte Recht von Unrecht zu unterscheiden, so stand man vor dem Dilemma, dass ihnen jegliche Einsicht in ihre Taten und jegliches Schuldbewusstsein fehlte.2Ich empfehle hierzu den Vortag von Dr. Heinz Düx, Richter am Oberlandesgericht Frankfurt a.D. und ehemaliger Ermittlungsrichter im Auschwitzprozess zum Thema: „Auschwitz im Gerichtssaal: der sog. Auschwitzprozess in Frankfurt – Vortrag und Diskussion“. Hiermit erübrigt sich die Frage nach der Begnadigung.
In der öffentlichen Diskussion um den Jerusalemer Prozess war das gebräuchlichste Argument, dass Eichmanns Taten die Grenzen möglicher Bestrafung durch Menschen überschritten, dass es absurd sei, die Todesstrafe für Verbrechen solchen Ausmaßes zu verhängen – was natürlich in gewissem Sinn stimmt, ja aber keinesfalls heißen konnte, dass einer, der Millionen ermordet hat, aus ebendiesem Grund nicht bestraft werden dürfe. Bekannte einflussreiche Persönlichkeiten haben sich gegen die Hinrichtung ausgesprochen, sie im Nachhinein als ein „Fehler geschichtlichen Ausmaßes“ bezeichnet. Ich bin nicht der Meinung. Weil die Täter ihre Politik des Völkermords in die Tat umsetzten, ist ihre eigene Existenz für das ganze Menschengeschlecht unzumutbar geworden. Es kann keinem Angehörigen des Menschengeschlechts zugemutet werden, mit denen, die solches wollen und in die Tat umsetzen, die Erde zusammen zu bewohnen.

Was war es, dass die NS-Täter bewegte?

A: Vor Gericht beteuerten die Nazi-Verbrecher immer und immer wieder, niemals etwas aus Eigeninitiative getan zu haben; sie hätten keine wie auch immer gearteten guten oder bösen Absichten gehabt und immer nur Befehle befolgt. Keiner hat bereut. 3Ich empfehle hierzu den Vortag von Dr. Heinz Düx, Richter am Oberlandesgericht Frankfurt a.D. und ehemaliger Ermittlungsrichter im Auschwitzprozess zum Thema: „Auschwitz im Gerichtssaal: der sog. Auschwitzprozess in Frankfurt – Vortrag und Diskussion“. Und hier zeigt sich ein erstaunliches Phänomen: Wenn keiner bereut, dann sollte sich doch wenigstens einer finden, der dafür gerade steht – aber keiner hat irgendetwas verteidigt. Ich schließe daraus, dass man nur mitmachen und „Wir“ sagen wollte, und bereit war, alles mitzumachen. Diese Herren hingen von nichts anderem ab, als von der Meinung, die um sie herum war. 4 Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, Fernsehinterview von 1964
Eichmann war ein perfekter Funktionär und hatte Lust am reinen Funktionieren in einem mörderischen System. Er ließ sich zu einem Instrument machen und wurde ein bloß mechanisches Glied im Verwaltungsbetrieb eines totalen Herrschaftsapparats, das auf Vernichtung zielte. Sein persönliches Motiv war nicht Fanatismus, sondern eine echte, maßlose Hitlerverehrung sowie seine Entschlossenheit, ein gesetzestreuer Bürger des Dritten Reiches zu bleiben. Hitlers Befehle, die er nach bestem Vermögen befolgt hatte, besaßen im Dritten Reich „Gesetzeskraft“. Was er getan habe, habe er getan, er wolle nichts abstreiten, „Reue ist etwas für kleine Kinder.“ Seine Schuld sei Gehorsam, und Gehorsam werde doch als Tugend gepriesen. Seine Tugend sei von den Regierenden missbraucht worden. – Da kann man ihm nur vorhalten, dass die Politik nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort für Zustimmung und Unterstützung ist.
Eichmann war kein Einzelfall. Solche Menschen verzichten willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften. Sie sind bloß menschliche Wesen, aber keine Personen. Sie haben sich selbst ausgelöscht (wie ich versucht habe, in Anlehnung an die Worte Jesu zu zeigen). Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemanden getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigerten, Personen zu sein. Und die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie an das, was sie getan haben, niemals Gedanken verschwendet haben. Wer nicht denkt, was er tut und sich im Nachhinein gegen das Denken wehrt, indem er sich weigert, sich an das zu erinnern, was er tat (damit meine ich die Unfähigkeit zur Reue), der bleibt sturköpfig ein Niemand. Er hat die Fähigkeit zum stummen Selbstgespräch und die Integrität als Person, die der ganz allgemeinen Denk- und Erinnerungsfähigkeit entspringt, eingebüßt. Als Sanktion bei Verlust droht der Verlust des Selbst, was mich als Person ausmacht.

Könnten wir Sokrates nicht auch entgegnen: Die Furcht vor Selbstwiderspruch reicht kaum aus, jemanden davor zurück zu halten, Unrecht zu tun?

A: Bei Sokrates gibt es das zweite Kriterium des Mit-sich-selbst-Lebens, das bei Kant nicht die gleiche Bedeutung hat. Ich lebe mit mir selbst heißt, ich spreche mit mir selbst über die Dinge, die mich betreffen; ich bin Einer, in Harmonie mit dem eigenen Selbst. So wie ich mein eigener Partner bin, wenn ich denke, bin ich mein eigener Zeuge, wenn ich handle. Ich kenne den Täter und bin dazu verdammt, in unerträglicher Intimität mit ihm zusammen zu leben. Diese inneren Folgen sind es, die mich davon abhalten, Unrecht in die Tat umzusetzen, selbst wenn es von staatlicher Autorität als Befehlt daherkommt. Das ist ein rein innermenschliches moralisches Prinzip, das nur in Grenzsituationen, nicht in alltäglichen Angelegenheiten, angemessen ist, wobei das Selbst als Kriterium moralischen Verhaltens eine Art Ausnahme-Maß darstellt.

Warum ist das eine Moral nur für Ausnahmesituationen?

A: Sokrates‘ Satz beruht auf der Einsicht, „dass es besser ist, mit der ganzen Welt uneins zu sein, als mit sich selbst“. Es mag Situationen geben, in denen ich mit der Welt so uneins werde, dass ich auf den Umgang mit mir zurückfallen muss. Als Einzelner bin ich per definitionem ohnmächtig. Ich stehe sozusagen mit dem Rücken zur Wand und kann nicht mehr sagen als: „Das kann ich nicht tun.“ – Es gab eine Alternative in Nazi-Deutschland, die hieß nicht mitmachen. Ich setze nicht mein Leben ein, ich versuche zu entkommen, ich stelle mich beiseite, ich nehme Nachteile in Kauf, aber ich mache nicht mit. Dazu gehörte, dass man nicht „wir“ sagt, sondern „ich“. Dazu muss man selbst urteilen. Und das gab es in allen gesellschaftlichen Schichten.5 Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, Fernsehinterview von 1964 Das Urteil dieser Wenigen stand in schreiendem Gegensatz zu dem, was sie für die einhellige Meinung ihrer gesamten Umgebung halten mussten.

Wie unterscheidet man was Recht oder Unrecht ist, wenn der Ausnahmezustand zur Normalität geworden ist, wie in Nazi-Deutschland?

A: Unsere Entscheidungen über Recht und Unrecht werden von der Wahl unserer Gesellschaft abhängen, von der Wahl derjenigen, mit denen wir unser Leben zu verbringen wünschen. Diese Gesellschaft wird durch Denken in Beispielen gewählt. Wir vergegenwärtigen uns eine abwesende, tote oder lebende, wirkliche oder fiktive Person oder einen Fall, die zu Beispielen geworden sind. Die größte Gefahr liegt darin, dass die Menschen moralisch indifferent sind und es ihnen egal ist, mit wem sie leben wollen; sie sind unwillig oder unfähig ihre Beispiele und ihren Umgang zu wählen, durch Urteil zu anderen in Beziehung zu treten. Sokrates‘ Grundsatz befähigt ihn, seine eigene Gesellschaft zu ertragen, der nicht mit einem Übeltäter zusammen leben will. Sokrates handelte beispielhaft und wurde später für viele zivilisierte Menschen zu einem Beispiel. Um zu verdeutlichen, worauf es mir ankommt, nenne ich zwei weitere; das eine stammt von Cicero: „[ich würde] bei Gott eher mit Plato auf Abwege geraten, als mit [den Pythagoreern] wahre Auffassungen vertreten“, und das andere von Meister Eckart: „ich wäre lieber in der Hölle mit Gott als ohne ihn im Himmel.“

Hier wird die Frage nach der objektiven Wahrheit fallen gelassen und man sieht die höchst persönliche und subjektive Beschaffenheit all dieser Kriterien.

Vielleicht hilft uns der Wille weiter…

Anmerkungen

1 Das heißt, so wie ich sie verstehe. Hierbei beziehe ich mich auf ihre Vorlesung, ihren Prozessbericht Eichmann in Jerusalem und das Interview mit Joachim Fest.
2, 3 Ich empfehle hierzu den Vortag von Dr. Heinz Düx, Richter am Oberlandesgericht Frankfurt a.D. und ehemaliger Ermittlungsrichter im Auschwitzprozess zum Thema: „Auschwitz im Gerichtssaal: der sog. Auschwitzprozess in Frankfurt – Vortrag und Diskussion“.
4 Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, Fernsehinterview von 1964
5 Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, Fernsehinterview von 1964