Paulus und das Wollen

Um das Böse zu vermeiden, reicht nach Arendt die Philosophie des Sokrates. Es bleibt allerdings offen, wie man mit dem sokratischen Selbstgespräch die faulen Flecken der menschlichen Natur, Irrtum, Täuschung, Unwissenheit, Dummheit, Unaufrichtigkeit, Selbstbetrug, die mich zum Unrechttun bringen, loswerden kann.

Warum Sokrates und nicht Kant?
Sokrates will sich selbst nicht widersprechen, Kant will sich selbst nicht verachten. Beide würden sagen, wer Unrecht tut, hat nicht genau genug nachgedacht und schadet vor allem sich selbst. (Hier kann ich mir die Bemerkung Nietzsches nicht verkneifen: Naivität, als ob Moral übrigbliebe, wenn der sanktionierende Gott fehlt!)
Ist auf Sokrates‘ Satz mehr Verlass, weil er vielleicht schwieriger zu missbrauchen ist? Eichmann hatte sich Kants Formel zurechtgebogen und nannte es „den kategorischen Imperativ für den Hausgebrauch des kleinen Mannes.“ Ohne dass er es zugegeben hätte, ist er tatsächlich Hans Franks Neuformulierung des kategorischen Imperativs im Dritten Reich gefolgt: „Handle so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde.“ Empfand Arendt Kants Moralphilosophie, mit all ihrem Vokabular, das die Nazis auf den Kopf stellten, vielleicht als zu deutsch?

Warum Sokrates und nicht Jesus?
Sokrates will das Böse vermeiden, Jesus will das Gute tun. Von ihnen wissen wir: Wer so viel Einsicht hat, das Böse zu vermeiden, ist noch lange nicht weise (Sokrates: „Kein Mensch ist weise“) und wer das Gute tut, ist noch lange nicht gut (Jesus: „Niemand ist gut als nur Gott“). Fordert das christliche Gebot der Nächstenliebe (ganz zu schweigen von der Feindesliebe) mehr als realistischerweise von einem Menschen im Ausnahmezustand abverlangt werden kann? Mag sein. Welchen Sinn aber hätte ein solches Gebot, wenn es nur für das Zusammenleben in Zeiten des Friedens und Wohlergehens von Bedeutung wäre?

Arendt zieht den Schluß, dass die Frage nach der Natur des Bösen mit dem Selbst als Maßstab nicht zu beantworten ist. Es muss die Tat und ihre (äußeren) Folgen in Betracht gezogen werden, nicht das Selbst (die inneren Folgen). Auch bei der Frage nach der Natur des Guten ist nicht das Selbst das Kriterium. Denn was die Menschen, die wir gut nennen, auszeichne, sei nicht ihre Selbstbezogenheit, sondern die Selbstlosigkeit, „der bewußte Versuch, sich selbst auszulöschen, Gottes oder meines Nächsten zu liebe“1 Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik . Damit meint sie vor allem Jesus von Nazareth. In seiner Lehre wendet man sich dem anderen zu. Nicht das Selbst, sondern die Liebe zum anderen ist das Maß. Das wird an den Aufforderungen „Liebet eure Feinde…“ [Matthäus 5,44], „Lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut“ [Matthäus 6,3] beispielhaft verdeutlicht. In der Radikalität dieser biblischen Gebote zeige sich, dass es keinem Menschen möglich ist, gut zu sein. „Der Druck, dem [Jesus] seine Jünger aussetzte,“ so Arendt, musste „jenseits des Erträglichen gewesen sein, und der einzige Grund, warum wir das nicht mehr nachempfinden, liegt darin, dass wir sie kaum noch ernst nehmen.“2 Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik Vermutlich habe niemand diesen Druck stärker empfunden, als Paulus.

Ausgehend von Paulus hätten die Moralphilosophen versucht, das Böse mit dem Willen zu erklären. Soweit uns die Dinge historisch überliefert sind, hat Paulus die Probleme, die der Wille aufwirft, als erster erkannt und beschrieben. Er vertritt die Überzeugung, dass der Mensch das Böse selbst dann verübt, wenn er das Rechte erkennt, bejaht und tun will. Im Römerbrief schreibt er: „ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen; aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet“, „nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus […] denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, dieses tue ich.“ [Römer 7]
Was in Paulus vorgeht, ist nicht einfach nur ein Denkprozess, bei dem das Ich mit dem Selbst einen friedlichen Dialog führt. Er beschreibt vielmehr einen inneren Kampf des „Geistes“ mit dem „Fleisch“, die jeweils ihren eigenen einander entgegen stehenden Gesetzen gehorchen. Es sind unversöhnlich Zwei-in-Einem, niemals Einer; ein Kampf des Gesetzes des Geistes mit dem Gesetz des Fleisches, des Gesetzes Gottes mit dem Gesetz der Sünde. Das Gesetz der Sünde kann nicht unter die Herrschaft des Gesetzes des Geistes gebracht werden. Umgekehrt wird Paulus unter das Gesetz der Sünde in Gefangenschaft geführt, mehr noch, er stirbt. Der Zustand ist endgültig und unumkehrbar. Das Fleischliche wird den Tod des Geistigen nicht überleben. Es ist ein verloren gegangener Kampf des Menschen, dessen guter Wille sich als ohnmächtig erweist. Am eigenen Beispiel demonstriert Paulus, dass ein zutiefst religiöser Mensch im Grunde ein Sklave der Sünde und geistig tot ist, und zwar auch dann, wenn er gute Werke tut. Gerade das Scheitern am Gesetz führt ihn in eine Dimension der Tiefe seines Selbst, nämlich, dass der gute Mensch unmöglich wahrhaft gut sein kann. Warum nicht? Karl Jaspers, Lehrer, Doktorvater und später enger Freund von Arendt, der Augustin und Paulus heranzieht, hat es auf den Punkt gebracht: „Wenn er gut handelt, muss er wissen, dass er gut handelt; aber dieses Wissen ist schon seine Selbstzufriedenheit und damit sein Hochmut. Ohne Selbstreflexion keine menschliche Güte, mit Selbstreflexion keine schuldlos reine Güte.3Karl Jaspers, Der Philosophische Glaube

Der Wille ist in sich selbst gespalten, es ist geradezu sein Wesen zwei-in-einem zu existieren. Er will und will nicht, der Wille ist Macht und Ohnmacht, er ist Freiheit und Knechtschaft, er ist sowohl auf das Böse wie auf das Gute gerichtet. Nun habe man versucht, das Problem der Gespaltenheit zu lösen, indem man moralische Verhaltensnormen einführte. Wille und Neigungen wurden der Moral unterstellt. (Was ist das nun? Ein weiterer Fall von philosophischem Selbstbetrug? Welches menschliche Vermögen sollte es denn jetzt sein, das den Willen der Moral unterwirft?) Damit wurde das Problem lediglich auf die Frage verschoben, was die richtige moralische Norm ist. Die jeweils gültige Moral wurde zu einer Frage der Übereinkunft, moralische Normen existieren aufgrund Konventionen und diese wechseln nach Zeit und Ort. Somit hat sich seit der Antike nichts geändert: Die Menschen streiten sich fortwährend darüber, was das Gerechte ist und setzten es ständig neu fest. Was einmal festgesetzt ist, das ist dann jeweils gültig.
Die Entdeckung des Willens hat, salopp gesprochen, das moralische Problem nicht gelöst, sondern nur ein neues bodenloses Fass aufgemacht. So viel Widersprüchliches wurde über den Willen behauptet — ein Menschenleben würde nicht reichen, um all die Bücher zu lesen, die zu diesem Thema verfasst wurden. Damit will ich die Diskussion bewenden lassen und auf einen anderen Punkt kommen.

Wir reden über den Nationalsozialismus und es ist noch nicht einmal das Wort Antisemitismus gefallen.

Anmerkungen   [ + ]

1, 2. Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik
3. Karl Jaspers, Der Philosophische Glaube