Über die Bedeutung ideologischer Motive

Hannah Arendts Charakterisierung Eichmanns, die zur Schlussfolgerung der «Banalität des Bösen» führte, und ihre These vom motivlosen Täter, sind bis heute umstritten. Für manche erweckt sie den Eindruck, in die Köpfe der Täter hineinblicken zu können und dabei deren Worte und Taten zu vernachlässigen, vielleicht ganz bewusst das Motiv des Antisemitismus zu ignorieren, weil es nicht in ihre Theorie vom Totalitarismus passt.

In Adolf Eichmann beispielhaft verkörpert tritt das Böse in einer Gestalt auf, die weder monströs noch dämonisch ist, nicht primär auf ideologischen Fanatismus, moralische Verstocktheit oder niedere Instinkte zurück zu führen, weder Begierde noch Verzweiflung, noch Hochmut, Neid oder Hass treiben es an. „Das beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind […] diese Normalität war viel erschreckender als all die Greuel zusammen genommen, denn sie implizierte […], dass dieser neue Verbrechertypus […] unter Bedingungen handelt, die es ihm beinahe unmöglich machten, sich seiner Untaten bewusst zu werden.“ „Und wenn dies «banal» ist und sogar komisch, wenn man ihm nämlich beim besten Willen keine teuflisch-dämonische Tiefe abgewinnen kann, so ist es darum noch lange nicht alltäglich.“ 1 Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem

Jesus von Nazareth, dessen „Zielvorstellung keineswegs eher Unrecht zu leiden als zu tun [ist], sondern anderen Gutes zu tun“2 Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik , bringt Arendt über das eigene Selbst hinaus und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf ein weiteres Kriterium, das uns befähigt zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden: Wir leben nicht als Einzelne, sondern mit anderen Menschen zusammen und haben die Fähigkeit über das eigene Tun zu reflektieren und wie die Mitmenschen davon betroffen wären. Diese Fähigkeit fehlte Eichmann ihrer Ansicht nach völlig. Sie beschreibt ihn als einen Wichtigtuer und Angeber, der sich durch Realitätsferne und Gedankenlosigkeit auszeichnete, getrieben „von einer ganz außergewöhnlichen Beflissenheit, [die keineswegs kriminell war,] alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte.“ Er war kein „schlauer und berechnender Lügner“ und „kein «Ungeheuer», aber es war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, dass man es mit einem Hanswurst zu tun hatte […] was auch schwer auszuhalten war angesichts der Leiden, die Eichmann und seinesgleichen Millionen von Menschen zugeführt hatten.“ Es bestand eine unüberbrückbare Kluft „zwischen dem namenlosen Entsetzen vor seinen Taten und der unbestreitbaren Lächerlichkeit des Mannes, der sie begangen hatte.“3 Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem

Der NS-Massenmord war für sie kein Ausdruck des herkömmlichen Antisemitismus, sondern rückte in eine allgemeinmenschliche Dimension. Es war „ein Verbrechen gegen die Menschheit begangen am jüdischen Volk“. Sie führte es auf die „innere Notwendigkeit des totalitären Regimes, ein Feindbild zu entwickeln, für das sich die Juden als nie wirklich integrierte Bevölkerungsgruppe am ehesten eigneten.“4 Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem Hitler hatte seine Massenmorde mit dem „Gnadentod“ der „unheilbar Kranken“ begonnen (per Anordnung von 1939) und hatte die Absicht, sie mit „erbgeschädigten“ Deutschen zu enden. Sobald sich zeigte, dass eine Bevölkerungsgruppe ohne nennenswerten Widerstand und ohne moralische Empörung der Öffentlichkeit zur Gewohnheit werden konnte, ging man dazu über weitere „überflüssige“ Menschengruppen, „rassisch minderwertigen“ Völker und Asoziale zu identifizieren und auszurotten.

Im Nachwort (von 2011) zu Eichmann in Jerusalem und in einem Essay (von 1986), das dem Buch vorangestellt ist, bemerkt der Historiker Hans Mommsen, dass die jüngere Holocaustforschung verschiedene Phänomene, die Arendt beobachtet und beschrieben hat, bestätigt hat, darunter ihre Einschätzung „dass «Gedankenlosigkeit» ein zentrales Element totalitärer Massenverbrechen ist, dem eine größere Bedeutung beikommt als ideologischen Motivationen.“ 5 Hans Mommsen, Nachwort zur Ausgabe von  2011, Eichmann in Jerusalem Es ging Arendt darum, die „extreme Grenzsituation zu bestimmen, in der die Liquidation von unschuldigen Menschen geräuschlos und ohne Aufstand des Gewissens vor sich ging“6 Hans Mommsen, Essay in Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem und „ohne dass es dazu einer substanziellen ideologischen Begründung bedurfte.“ 7 Hans Mommsen, Nachwort zur Ausgabe von  2011, Eichmann in Jerusalem Bereits in ihrem früheren Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) habe Arendt zutreffend beschrieben,

  • „dass die Diktatur keineswegs von der dämonischen Willenskraft Hitlers geprägt war, sondern dass die typische Eskalation der Ziele und der Gewaltanwendung aus der inneren Notwendigkeit entsprang, die «Bewegungs»-Struktur um jeden Preis aufrechterhalten zu müssen.“
  • „dass in totalitären Herrschaften die Tendenz wirksam sei, sämtliche Gruppen der Bevölkerung durch Indoktrination und Terror dergestalt zu präparieren, dass sie gleich gut für die Rolle des Vollstreckers wie diejenige des Opfers taugen“ und damit der „Angleichung der Mentalität von Vollstreckern und Opfern.“ (In den Todeslagern des Nationalsozialismus hatten die Opfer selbst das Mordwerkzeug in der Hand geführt.)
  • dass die NS-Vernichtungsmaschinerie „in der Tendenz völlig affektfrei arbeitete und das Verbrechen in Routinehandlungen verwandelte, denen gegenüber die Berufung auf das Gewissen gegenstandslos war.“
  • dass das unerhört Neue der Politik der „Endlösung“ im Vergleich zum schon vorher dagewesenen imperialistischen Verwaltungsmassenmord „darin liege, dass sie sich außerhalb jeder moralischen Dimension, zugleich ohne äußeren Anlass und ohne erkennbare Zwecksetzung vollzog“.

Hannah Arendt stellte die These auf, dass Eichmann kein historischer Einzelfall war, sondern der Prototyp des modernen Menschen, der den Bezug zur Welt um sich herum und zu seinen Mitmenschen verloren hat, „im Zeitalter der Massengesellschaft, wo jeder der Versuchung erliegt, sich nur als ein Rädchen in einer Art von Maschinensystem zu sehen – sei es in den gut geölten Maschinen von großen Unternehmen im gesellschaftlichen, politischen oder beruflichen Bereich oder in dem chaotischen schlecht eingestellten Zufallsmuster von Umständen, unter denen wir alle unser Leben irgendwie leben.“8 Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik

 

Referenzen und weiterführende Links zum Fall Eichmann

  • Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Aufl. 2007, Piper Verlag
  • Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Aufl. 2016, Piper Verlag
  • Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest. Fernsehinterview von 1964
  • Antonia Grunenberg, Das Böse und die Verantwortung. Hannah Arendt über Adolf Eichmann. Vortrag von 2016
  • Youtube Kanal mit Videomitschnitten des Eichmann-Prozesses
  • Youtube Playlist mit Vorträgen zur juristischen Seite der Nachkriegsprozesse (darunter auch zum Strafverfahren gegen Eichmann und zum Auschwitz Prozess) der Unabhängigen Wissenschaftlichen Kommission beim Bundesministerium der Justiz zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit
  • Yad Vashem Webseite zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses in Jerusalem
  • Weiteres Material zum Eichmann Prozess bei Yad Vashem (Fotos, Video Lectures, Bibliography etc.)
  • Weiner Library Documents im Prozessfall Adolf Eichmann

Anmerkungen   [ + ]

1, 3, 4. Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem
2, 8. Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik
5, 7. Hans Mommsen, Nachwort zur Ausgabe von  2011, Eichmann in Jerusalem
6. Hans Mommsen, Essay in Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem