Einleitung zum Beitrag: Wahres Wissen und demokratisch verfasste Gesellschaft

Gibt es Parallelen zwischen der Klima-Debatte und Corona-Debatte?

Es ist nicht möglich, etwas über die Verbreitung und die Gefahren eines Virus allein durch gründliches Nachdenken und logisch sauber hergeleitete Schlussfolgerungen heraus zu finden. Die Wissenschaftler arbeiten mit Beobachtung und Experiment. Sie wählen hierfür ihrer Erfahrung entsprechende und idealerweise dem aktuellen Stand der Technik und Forschung angemessene Methoden und Instrumente. Den Teilnehmern einer Studie entnehmen sie Abstriche und Blut, stellen verschiedene Fragen zu klinischen Symptomen, Vorerkrankungen, Gesundheitsverhalten usw. usf.. Die Daten werden ausgewertet und interpretiert, die Ergebnisse publiziert, diskutiert, angezweifelt, neu interpretiert, überprüft, die Experimente nachgestellt. Gegenstudien, neue Beobachtungen und Entdeckungen, können Unsicherheiten beseitigen und offene Fragen klären, die bisherigen Ergebnisse bestätigen, relativieren oder widerlegen. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Von Thorstein Veblen fasste das zusammen mit dem treffenden Satz: »The outcome of any serious research can only be to make two questions grow where only one grew before.« Idealerweise geschieht der Prozess ohne Rücksicht auf Autoritäten und ohne Ansehen der Person. Für einen redlichen Wissenschaftler sollte es kein Gesichtsverlust sein, von der Fachgemeinschaft widerlegt zu werden.

Problematisch wird es bei Forschungsthemen von großem öffentlichen Interesse vor allem an den Schnittstellen von Wissenschaft, Politik und Massenmedien. Peter Weingart, der Autor des folgenden Beitrags ist Wissenschaftssoziologe und forscht zum diesem Themenkomplex. Der Text erschien 2017 im bpb-Heft Aus Politik und Zeitgeschichte mit dem Titel „Wahrheit“, das sich der Problematik Fake News, Politikberatung durch Wissenschaftler, Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Medien widmet. Ich finde ihn hervorragend und allgemeinverständlich, ohne mit dem Autor exakt in allen Punkten übereinzustimmen.

Die Fortsetzung des Themas ist ein Artikel von Stefan Marschall, Professor für Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit dem Schwerpunkt „Politisches System Deutschlands“, Sprecher des Arbeitskreises „Politik und Kommunikation“ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft.

Das Copyright erlaubt es, dass ich beide Artikel hier poste:

Peter Weingart über „Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft.

Stefan Marschall über Lügen und Politik im „postfaktischen Zeitalter“.