Einsamkeit

Am Morgen vor Vollmond um 05:50 Uhr trete ich vor die Haustür und sehe am Himmel vor mir den Großen Bären.


Kannst du knüpfen das Gebinde des Siebengestirns
oder lösen die Fesseln des Orion?
Kannst du die Bilder des Tierkreises hervortreten lassen zu ihrer Zeit
und den Großen Bären leiten samt seinen Kindern?
Kennst du die Gesetze des Himmels,
oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?
[Hiob 38,31-33]


Es ist sehr still und dunkel. Oktober. Die Sterne sind hier sehr gut sichtbar, die Lichter des Flughafens und der Großstadt sind weit genug weg. Plötzlich fliegt eine Eule über mir hinweg und hinter das höher gelegene Nachbarhaus, danach kann ich sie nicht mehr sehen.
Die Temperatur außen fühlt sich nach um die Null Grad Celsius an. Ich laufe los und hoffe auf meiner Laufstrecke keinem Menschen zu begegnen. Dafür ist es schon recht spät. Aber es ein Samstag, vielleicht doch noch nicht zu spät…


Sucht den, der das Siebengestirn und den Orion gemacht hat
und den Todesschatten in Morgen verwandelt
und den Tag zur Nacht verfinstert,
der den Wassern des Meeres ruft
und sie ausgießt über die Fläche der Erde.
[Amos 5,8]


Der Weg, der teilweise zwischen noch dicht belaubten Bäumen verläuft, ist dunkel, ich sehe ihn kaum, aber ich kenne ihn gut genug und merke es sofort, wenn ich abseits gerate. Bald bin ich wieder unter freiem Himmel, wo nur der Mond und die Sterne alles erleuchten. Ich bleibe auf der Brücke über den Bach stehen und betrachte den Sternenhimmel. Wieviele Sternbilder ich erkennen kann? Zu wenige! Ich liebe diese Art von Einsamkeit.


IN diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten /
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See:
Beschau’ ich jenes Thal und diser Felsen Höh’
Auff welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.
Hir / fern von dem Pallast; weit von des Pövels Lüsten /
Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’
Wie / auff nicht festem Grund’ all unser Hoffen steh’
Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag uns grüßten.
Die Höl’ / der rauhe Wald / der Todtenkopff / der Stein /
Den auch die Zeit aufffrist / die abgezehrten Bein.
Entwerffen in dem Mutt unzehliche Gedancken.
Der Mauren alter Grauß / diß ungebau’te Land
Ist schön und fruchtbar mir / der eigentlich erkant /
Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.
[Andreas Gryphius, Einsamkeit]