Erkenntnistheorie für einen Teenager (Teil 2)

Ich wünschte, ich könnte dir hinreichende Argumente liefern, um den Idealisten zu beweisen, dass es zwischen unseren Sinneswahrnehmungen und den Gegenständen in der Außenwelt, die unsere Ideen repräsentieren, eine reelle Verbindung gibt. Aber ich muss gestehen, dass je länger ich darüber nachdenke, ich desto mehr mein eigenes Unvermögen begreife.

Es wäre lächerlich sich mit den subjektiven Idealisten auch nur auf eine Diskussion einzulassen. Ein Mensch, der sich einbildet, allein zu existieren, und nicht glauben will, dass auch ich existiere, würde wider sein System handeln, wenn er auf meine Gründe achten würde. Sie wären ihm so viel wie Gründe eines bloßen Nichts. Aber auch mit den etwas gemäßigten Idealisten ist es schwer zu streiten. Es scheint mir beinahe unmöglich, einen Menschen vom Dasein der Körper zu überzeugen, der sie hartnäckig leugnet. Ich bezweifele, ob diese Philosophen aufrichtig zu Werke gehen. Zugleich wäre es sehr zu wünschen, dass wir Gründe hätten, die stark genug wären, um uns selbst jedes Mal, wenn unsere Seele gewisse Empfindungen wahrnimmt, zu überzeugen, dass sie von real und unabhängig von uns existierenden Körpern herrühren. Dass wir zum Beispiel in der Lage wären, aus der Empfindung, die wir vom Mond haben, sicher zu schließen, dass der Mond existiert. Aber die Verbindung, die der Schöpfer zwischen unserer Seele und dem Gehirn gestiftet hat, ist ein Geheimnis. Darüber können wir nichts sagen, außer, dass gewisse Eindrücke, die auf einen bestimmten Ort im Gehirn wirken, gewisse Ideen (abstrakte Vorstellungen) und Empfindungen in der Seele (Geist, Gemüt, Ich) wecken.

Was wir wahrnehmen, sind unsere eigenen Ideen. Die Ideen sind völlig verschieden von den Gegenständen, die damit erfasst werden. Die Idee selbst hat nichts Materielles. Sie ist eine Wirkung der Seele, die ein Geist ist. Es ist in der Tat nicht ersichtlich, welche Ähnlichkeit zwischen dem Mond, der Idee vom Mond und dem Nervenreiz im Gehirn besteht. Man muss aber auch keine wirkliche Ähnlichkeit suchen. Wir wissen auch nicht, wie der Gegenstand in der Außenwelt einen Einfluss auf unsere Seele ausübt, sodass in uns die Idee entsteht. Wir stellen lediglich fest, dass ein solcher Einfluss da ist. Das wird durch die Erfahrung hinlänglich gestützt. Wir erfahren es als objektiv, dass sich die Ideen auf die Dinge da draußen beziehen.

Wir schließen beständig von der Wahrnehmung auf das Dasein eines Gegenstands. Das ist uns Menschen angeboren, ja selbst auch allen Tieren, sodass man es nicht für ein Vorurteil halten kann. Wir können nicht aus der Abhängigkeit zu unserer Sinneserfahrung aussteigen. Ein Hund, wenn er mich sieht und anbellt, ist sicher, dass ich existiere. Meine Gegenwart erzeugt in ihm die Idee von meiner Person. Dieser Hund ist also kein Idealist. Selbst die geringsten Insekten sind überzeugt, dass es Körper gibt, die außer ihnen da sind. Sie können nicht anders als durch die Empfindungen zu diesen Überzeugungen gelangt sein, die von diesen Körpern in ihnen geweckt wurden. Ich glaube daher, dass diese Empfindungen noch etwas mehr enthalten, als manche Philosophen sich vorstellen können. Sie sind nicht bloß leere Wahrnehmungen von gewissen im Gehirn gemachten Eindrücken. Sie geben der Seele nicht nur Ideen von Dingen, sondern stellen ihr auch wirklich Gegenstände vor, die außer ihr existieren, auch wenn wir den Mechanismus dieser Wechselwirkung nicht begreifen.

Wenn zum Beispiel mein Gehirn in mir die Empfindung eines Baumes oder eines Hauses erweckt, so behaupte ich, dass außer mir wirklich ein Baum oder ein Haus existiert, wovon ich auch gleich den Ort, die Größe oder andere Eigenschaften kenne. Man findet weder einen gewöhnlichen Menschen noch ein Tier, das an dieser Wahrheit zweifelt. Angenommen ein Bauer würde behaupten, dass er seine Kuh, die auf der Wiese vor seinen Augen weidet, für kein wirkliches Ding hält, würde man ihn als einen Narren auslachen, und zwar zurecht. Aber wenn eine Philosophin diese Meinung vertritt, will sie, dass jedermann ihren Geist und ihre Einsichten bewundert, als wären sie über die Einsichten der ungelehrten Masse erhaben. Ich glaube, dass solche seltsamen Meinungen aus Stolz oder um sich von dem gemeinen Haufen zu unterscheiden, vertreten werden. Die Bauern beweisen in dieser Hinsicht mehr gesunden Verstand, als manche Gelehrte, die vom Studieren keinen anderen Nutzen haben, als einen verwirrten Kopf. Der Bauer, sagen sie, wandelt auf der Landstraße des schlichten Menschenverstands und wird durch die Gebote der Natur geleitet. Er klagt auch nicht über irgendwelche Unzuverlässigkeit seiner Sinne und ist ganz frei von der Gefahr, Skeptiker zu werden. Als Praktiker des Lebens denkt er naiv realistisch. – Wer das von dem Bauern sagt, kann es auch gleich auf alle Naturwissenschaftler ausweiten, insofern sie empirische Wissenschaften betreiben.

Es ist doch bemerkenswert, dass wir so selbstverständlich von unserer Wahrnehmung auf das Dasein von Gegenständen schließen, dass wir das selbst im Traum vollziehen, auch wenn wir uns hier irren. Aber daraus folgt nicht, dass wir uns auch im Wachzustand irren. Um den Einwand zu entkräften, müsste man den Unterschied zwischen Schlafen und Wachen genauer kennen. Ich kenne ihn nicht und bin auch nicht sicher, ob die Philosophen ihn kennen. Auf den Einwand der Träume kann ich nur entgegnen, dass es Merkmale gibt, die uns in den Stand versetzen, Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden. Ich habe mal einen Menschen mit einem anderen verwechselt. Aber ich habe gleich erkannt, dass ich mich geirrt hatte. Damit ist nicht nur klar, dass man sich irren kann, sondern auch, dass wirklich Mechanismen vorhanden sind, dem Irrtum vorzubeugen. Denn gäbe es keine, wäre es unmöglich, jemals einen Irrtum zu erkennen. Also müssen selbst diejenigen, die so viel Irrtümer in unserer Erkenntnis sehen, entweder die Möglichkeit einräumen, unseren Irrtum wahrzunehmen, oder sie müssen auch bekennen, dass sie sich selbst irren, wenn sie uns so viele Irrtümer unterstellen. Diese Wahrheit ist so fest in uns gegründet, dass wir selbst bei der größten Sucht, an allem zu zweifeln, wider Willen auf sie zurückfallen. Unsere Sinneswahrnehmungen und unsere Vernunftschlüsse sind fallibel, d.h. sie können möglicherweise widerlegt werden. Aber wie will man die Theorien eines Idealisten oder totalen Skeptikers widerlegen?

Ich will noch eine andere Beobachtung anführen. Die moderne Variante des kartesischen Traumarguments lautet Gehirn im Tank. Man stellt sich dabei vor, dass das menschliche Gehirn in einem Tank mit Nährflüssigkeit schwimmt und mit einem Computer verdrahtet ist. Der Computer führt ein Programm aus, welches im Gehirn die Nervenimpulse erzeugt. Alles, was es vom Dasein wahrnimmt, ist eine Simulation. Seine Welt ist in Wirklichkeit eine Illusion. So unwahrscheinlich es klingen mag – theoretisch ist das Szenario denkbar. Also, folgert man, können wir nicht wissen, ob wir nicht die ganze Zeit träumen oder von einem bösen Dämon oder, wem das besser gefällt, von einer guten Fee, getäuscht werden. Hier ist das alte Gedankenexperiment in einem neuen Gewand – aufbereitet für ein Publikum, das den Umgang mit Hightech gewohnt ist.

Ich bemerke hierzu Folgendes: Es ist dem Fortschritt der empirischen Wissenschaften zuzuschreiben, dass wir Computer haben, die in den Gedankenexperimenten der Philosophen auftauchen. Die Wissenschaftler gehen einfach von der naiven Vorstellung aus, dass es eine bewußtseinsunabhängige Außenwelt gibt, die wir erforschen können. Sie nehmen an, die Welt sei für uns Menschen als wahrnehmende und denkende Wesen, nicht nur sinnlich erfahrbar sondern auch rational verstehbar, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Sie glauben daran. – Ein blinder, aber nützlicher Glaube, jedoch kein Wissen, urteilen manche Philosophen. – Offensichtlich ist der Glaube der Wissenschaftler und Ingenieure gut genug begründet, sodass sie sich nicht allzu sehr von skeptischen Zweifeln abhalten lassen und mit ihrer Arbeit fortfahren. Und das mit einem unbezweifelbaren empirischen Erfolg und zu unser aller Wohl. Neue Erkenntnisse in der Naturwissenschaft? Ja! Neue Erkenntnisse in der Philosophie? Alles schon mal dagewesen! Vor 2000, vor 3000 Jahren. Nur alter Wein in neuen Schläuchen. – Na und, sagt der Skeptiker, kein Beweis dafür, dass nicht doch alles eine Illusion ist. Willst du Empiriker sein, musst du die Hoffnung aufgeben, eine sichere Grundlage für die wissenschaftliche Erkenntnis zu finden. Theoretisch ist nicht ausgeschlossen, dass ein Bauer oder ein Experimentalphysiker doch nur ein Gehirn im Tank ist.

Dein Wüstenfuchs
den 6. Oktober 2018
Prüfe aber alles, das Gute halte fest.

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Dieser Beitrag wurde erstellt mit Hilfe folgender Quellen:

Von mir überarbeiteter 97. und 118. Brief Leonhard Eulers an die Prinzessin Sophie Friederike Charlotte von Anhalt Zerbst. Datiert auf den 27. Januar bzw. 11. April 1761. Übernommen aus: Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin, Philosophische Auswahl, Reclams Universalbibliothek Band 239, 3., durchgesehene Auflage.

George Berkeley, Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1979, Philosophische Bibliothek, Band 20.

Prof. Dr. Dominik Finkelde, Vorlesung Erkenntnistheorie, Hochschule für Philosophie München, https://www.hfph.de/hochschule/lehrende/prof-dr-dominik-finkelde-sj/you-tube-vorlesungen-et-al

Hier geht es weiter mit Teil 3.