Erkenntnistheorie für einen Teenager (Teil 3)

Wie kommt es, dass man auf den Gedanken verfällt, dass es keine Dinge außerhalb des Geistes gibt und sie nur als „Ideen“, d.h. Bewusstseinsinhalte, existieren?

Einer, der diese Auffassung vertreten hat, und zwar in der wahrscheinlich schärfstmöglichen Ausprägung, war der irische Bischof George Berkeley (1685-1753). Das Dasein Gottes ist grundlegend für seine Philosophie. Ein Limerick von Ronald Knox sagt schon fast alles, was ich im Folgenden etwas länger ausgebreiten werde:

There was a young man who said „God
     Must find it exceedingly odd
     To think that the tree
Should continue to be
When there’s no one about in the quad.“

(Reply:)
„Dear Sir: Your astonishment’s odd;
I am always about in the quad.
     And that’s why the tree
     Will continue to be
      Since observed by,
              Your’s faithfully, God.“

Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. – Schon hier können Fragen aufgeworfen werden, so viele und so schwerwiegende, dass, wenn man sich allein damit beschäftigt, man nie über die ersten Verse der Genesis hinauskommt. Menschen mit gewöhnlicher Auffassungsgabe bereiten sie keinerlei Schwierigkeiten (selig die Armen im Geist…). Aber einem Philosophen machen sie viel Mühe. Ich fange gar nicht erst damit an, uns durch Fragen in unauflösliche Schwierigkeiten zu verwickeln. Stellen wir lediglich fest, dass Gott sprach und es ward. Der Schöpfer des Universums, an anderer Stelle Logos genannt – das Wort, das Gott war. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist. Es existiert nichts unabhängig von dem Logos. Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, […] und alle Dinge bestehen zusammen durch ihn.

Gott ist Geist. Was wir „die Dinge in der Außenwelt“ nennen, existiert nur insofern Gott existiert und sie in sich begreift und aufrecht erhält. Selbständig und unabhängig von ihm existiert nichts. Für Berkeley ist alle Realität mental und damit fast schon ein Gottesbeweis. Das Wort „fast“ kann man wohl bedenkenlos streichen.

Mit einer ausgeklügelten Argumentation (empirische, sprachanalytische und logische) gelingt es Berkeley, einen Widerspruch aufzudecken, wenn man von der Sinneswahrnehmung auf die materielle Existenz der Objekte schließt. Deshalb seien die Zweifel der Philosophen gar nicht verwunderlich, die ihren Sinnen misstrauen, die Existenz von Himmel und Erde leugnen und allem, was sie sehen und fühlen, einschließlich ihres eigenen Körpers. Wird die Materie weggenommen, verschwinden auch manche skeptische Zweifel und Streitfragen.

Unsere Sinneswahrnehmungen sind Wirkungen der göttlichen Macht. Materielle Dinge haben keine natürliche selbständige Existenz außerhalb aller denkenden Wesen. Sie existieren nur in Geistern, die sie wahrnehmen. In diesem Sinne ist „jede Pflanze, jeder Stern, jeder Teil des Weltsystems ein wirkliches Ding“ – und als Idee (!) real. Die Realität ist real, keine Illusion. Die Sinne sind zuverlässig. Daran besteht kein Zweifel, ebensowenig an meinem eigenen Sein oder dem anderer Personen (=Geister). Unsere Urteile verifizieren sich an unseren Sinneswahrnehmungen. Niemand soll dazu bewegt werden, ein Skeptiker zu werden; das Gegenteil ist der Fall.

Wenn Gott in den Wirkungen ist, dann auch in den Ursachen. Er ist der Urheber der Natur und, streng genommen, die einzige Ursache, die es gibt. Alles hängt gänzlich von seinem Willen ab, der alles ins Dasein gesprochen hat und der alle Dinge trägt durch das Wort seiner Macht.
Ausgehend von dieser Überzeugung, versteht Berkeley auch das Gravitationsgesetz. Die Philosophie seiner Zeit war eng mit der Naturwissenschaft verbunden. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses standen die Entdeckungen Isaac Newtons. Dass die Theorie Newtons wahr ist, stand außer Frage. Sie war empirisch gut genug belegt. Nun ging es darum, die Ursachen zu klären und die Frage, werden die Körper gegeneinander gestoßen oder gezogen. Das löste eine philosophische Diskussion über die „Natur der Körper“ aus. Ist die Gravitation eine Attraktion (die Körper neigen dazu, sich gegenseitig anzuziehen) oder eine Impulsion (eine feinflüssige unsichtbare Materie, genannt Äther, umgibt die Körper und stößt sie gegeneinander)? Die Newtonianer betrachteten die Anziehungskraft als Eigenschaft der Körper. Berkeley sah sie ursächlich nicht in den Körpern selbst, sondern in dem Willen des allmächtigen Gottes begründet. Das geht manchen zu weit.

Euler wendet sich gegen die Verwendung „okkulter Qualitäten“1Qualitates occultae, ein Begriff aus der scholastischen Lehre von verborgenen Qualitäten, die als Kräfte auf das wirken, was sinnlich wahrgenommen wird. und außerphysikalischer Begriffe in der Physik. Man sollte innerhalb der Grenzen der Wissenschaft nach Erklärungen suchen und den Erkenntnisgehalt physikalischer Theorien von deren metaphysischer Interpretation sorgfältig trennen. Für Berkeley aber gilt mit seiner Philosophie der Materialismus, und damit der Atheismus, als widerlegt. Letzten Endes: was ist Materie überhaupt? Was sind die kleinsten Teilchen, aus denen alle Körper zusammen gesetzt sind? Aber fragen wir doch zurück: Was ist denn Geist?

Unsere Erkenntnis der Ideen im Geist ist ein genauso schwieriges Problem, wie die Erkenntnis einer von unserem Geist unabhängigen Außenwelt – und bleibt ungeklärt. Die Frage, wie sich etwas geistiges auf etwas materielles beziehen kann, stellt sich in Berkeleys Philosophie natürlich nicht. Aber die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und den Dingen „wie sie in Wirklichkeit sind“ ist nicht überwunden.

Bertrand Russel weist Berkeley eine Reihe von Fehlschlüssen nach, ohne an seiner Grundlage zu rütteln. — Manche meinen, dass Russel denselben Fehlschlüssen erliegt, wenn es um seine eigene (atheistische) Weltsicht geht. — Russel bemerkt, Berkeley meint bewiesen zu haben, dass alle Realität mental sei. Was er aber tatsächlich gezeigt habe, sei dass wir Qualitäten wahrnehmen, nicht die Dinge selbst, und dass die Qualitäten relativ zu dem sie wahrnehmenden Subjekt sind. Auf die Argumente Berkeleys und die Einwände Russels gehe ich nicht ein. Aus meiner Sicht haben beide Seiten etwas für sich. Interessant wäre vielleicht noch zu bemerken, dass ich kürzlich auf den Artikel eines Bloggers stiess, der zeigen will, dass Russel Berkeley missverstanden habe. Auf diese Kritik der Kritik fallen mir andere Kritiken ein. Wenn du aber die Meinung eines echten Philosophen lesen willst, kommst du an Kants Kritiken nicht vorbei. Das ist natürlich auch nicht das letzte Wort.

Dein Wüstenfuchs
den 13. Oktober 2018
Prüfe aber alles, das Gute halte fest.

 

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Dieser Beitrag wurde erstellt mit Hilfe folgender Quellen:

George Berkeley, Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1979, Philosophische Bibliothek, Band 20.

Bertrand Russel, A History of Western Philosophy, Chapter XVI: Berkeley, Unwin Hymann Ltd. Das Limerick ist hier entnommen.

Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin, Philosophische Auswahl, Reclams Universalbibliothek Band 239, 3., durchgesehene Auflage.

Genesis 1, Johannes 1, Kolosser 1

 

Fortsetzung dieser Artikelserie (Erkenntnistheorie…) folgt.

Dies ist ein Artikel aus der Serie „Ein Tribut auf Leonhard Euler“. Hier geht es zum einleitenden Artikel: Der hellste Geist in einer Epoche der Erleuchtung.

Anmerkungen   [ + ]

1. Qualitates occultae, ein Begriff aus der scholastischen Lehre von verborgenen Qualitäten, die als Kräfte auf das wirken, was sinnlich wahrgenommen wird.