Kopernikus – ein rückswärts blickender Revolutionär

Mein Kalender teilte mir heute (19. Februar) mit, dass Nikolaus Kopernikus heute 547 Jahre alt geworden wäre. Ich weiß nicht, ob ich mich in einer Woche noch daran erinnern werde. Alles, was ich über diesen Mann weiß, lässt sich in wenigen kurzen Sätzen zusammen fassen, was im grassen Gegensatz zu meiner Bewunderung ihm gegenüber steht. Dann sollte ich ihn vielleicht gar nicht bewundern? Anderfalls sollte ich ihn besser kennen.

Geboren wurde er 1473 in Thorn; sein Elternhaus, eine Kaufmannsfamilie, gehörte zu den deutschsprachigen Bürgern der Stadt. Sein Vater starb, als er 10 Jahre alt war, danach wurde er von seinem Onkel erzogen. Während Columbus auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien den Atlantik überquerte und auf Amerika stieß, studierte Kopernikus ab 1491 an der Universität in Krakau, blieb zwar ohne Abschluß, zeigte aber Interesse für Mathematik und Astronomie, später studierte er Rechtswissenschaften in Bologna und stellte nebenbei umfangreiche Himmelsbeobachtungen an. Eines der wenigen Instrumente, die ihm zur Verfügung standen, war der Dreistab, den auch schon Ptolemäus (* um 100 n.Chr.) verwendete. In diese Zeit fallen die ersten Zweifel an dem damals vorherrschenden Himmelssystem des Ptolemäus. In Padua studierte er Medizin und arbeitete später als Hausarzt seines Onkels. In Ferrara promovierte er 1503 zum Doktor des Kirchenrechts. Ungefähr in dieser Zeit entstand Leonardo da Vincis Mona Lisa. Ab 1512 war er Domherr am Dom zu Frauenburg. In diesem Amt war er mit vielfältigen Verwaltungsaufgaben betraut, daneben war er ein ausgezeichneter Geograph, erarbeitete eine Münzreform, war weiterhin praktizierender und sehr geschätzter Arzt, beobachtete den Himmel und führte entsprechende Berechnungen durch. Kriegerische Auseinandersetzungen führten zu kurzen Abstechern u.a. nach Allenstein, wo er auch politisch tätig war und den Ort vor militärischen Angriffen sicherte. Die meiste Zeit verlebte er aber in Frauenburg und starb dort in 1543. Die Stadt Frauenburg gelangte durch ihn zu etwas mehr Ruhm, als Kopernikus‘ Geburtsort. Sie liegt in den Masuren, einer Region im Norden Polens, die einen Besuch wert ist, aber es heißt, sie sei sehr von Touristen überlaufen. In seinem Todesjahr erschien sein berühmtestes Werk zuerst in Nürnberg De revolutionibus orbium coelestium. Eine gute Übersicht der verschiedenen Weltsysteme mit historischen Darstellungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert findet sich hier. Das Folgende ist ein Zitat aus der dem Werk vorangestellten Widmung an den Papst Paul III, aus dem ersichtlich wird, warum die Bezeichnung „rückwärts blickender Revolutionär“ so gut auf Kopernikus zutrifft:

Das Bildnis von Kopernikus im Dom von Thorn mit einer Inschrift von Enea Silvio Piccolomini, auf deutsch: „Weder bitte ich um die gleiche Gnade, die dem Paulus gewährt wurde, noch suche ich die Vergebung, die Petrus fand, sondern ich bitte inbrünstig um diejenige, die Du am Kreuz dem Schächer gegeben hat.“ [public domain]

Zitat – Aber Deine Heiligkeit wird vielleicht nicht so sehr darüber verwundert sein, daß ich es gewagt habe, diese meine Nachtarbeiten zutage zu fördern, nachdem ich mir bei der Ausarbeitung derselben soviel Mühe gegeben habe, daß ich ohne Scheu meine Gedanken über die Bewegung der Erde den Wissenschaften anvertrauen kann, sondern sie erwartet vielmehr von mir zu hören, wie es mir in den Sinn gekommen ist zu wagen, gegen die angenommene Meinung der Mathematiker, ja beinahe gegen den gemeinen Menschenverstand mir irgendeine Bewegung der Erde vorzustellen. Deshalb will ich Deiner Heiligkeit nicht verhehlen, daß mich zum Nachdenken über eine andere Art, die Bewegungen der Sphären des Weltalls zu berechnen, nichts anderes bewogen hat als die Einsicht, daß sich selbst die Mathematiker bei ihren Untersuchungen hierüber nicht einig sind. Denn erstens sind sie über die Bewegung der Sonne und des Mondes so im Ungewissen, daß sie die ewige Größe des vollen Jahres nicht abzuleiten und zu beobachten vermögen. Zweitens wenden sie bei Feststellung der Bewegungen sowohl jener als auch der übrigen fünf Planeten weder dieselben Grund- und Folgesätze noch dieselben Beweise für die zu beobachtenden Umkreisungen und Bewegungen an. Die einen bedienen sich nämlich nur der konzentrischen, die anderen der exzentrischen und epizyklischen Kreise, durch die sie jedoch das Erstrebte nicht völlig erreichen. Denn diejenigen, die sich zu den konzentrischen Kreisen bekennen, obgleich sie beweisen, daß einige ungleichmäßige Bewegungen aus ihnen zusammengesetzt werden können, haben dennoch daraus nichts Bestimmtes festzustellen vermocht, was unzweifelhaft den Beobachtungen entspräche. Diejenigen aber, welche die exzentrischen Kreise ersannen, haben, obgleich sie durch dieselben die zu beobachtenden Bewegungen zum großen Teil mit zutreffenden Zahlen gelöst zu haben scheinen, dennoch sehr vieles herbeigebracht, was den ersten Grundsätzen über die Gleichförmigkeit der Bewegung zu widersprechen scheint. Auch konnten sie die Hauptsache, nämlich die Gestalt der Welt und die tatsächliche Symmetrie ihrer Teile, weder finden noch aus jenen berechnen, sondern es erging ihnen so, als wenn jemand von verschiedenen Orten her Hände, Füße, Kopf und andere Körperteile zwar sehr schön, aber nicht in der Proportion eines bestimmten Körpers gezeichnet, nähme und, ohne daß sie sich irgendwie entsprächen, mehr ein Monstrum als einen Menschen daraus zusammensetzte.
Als ich mir nun diese Unsicherheit der mathematischen Überlieferungen über die zu berechnenden Umläufe der Sphären lange überlegte, begann es mir schließlich widerlich zu werden, daß die Philosophen, die sonst alles, was sich auf jene Kreisbewegung bezieht, bis ins kleinste so sorgfältig erforschten, keinen sicheren Grund für die Bewegungen der Weltmaschine hätten, die doch unsertwegen von dem größten und nach genauesten Gesetzen zu Werke gehenden Meister geschaffen ist. Daher machte ich mir die Mühe, die Bücher aller Philosophen, derer ich habhaft werden konnte, von neuem zu lesen, um nachzusuchen, ob nicht irgendeiner einmal die Ansicht vertreten hätte, die Bewegungen der Sphären des Weltalls seien anders geartet als diejenigen annehmen, die in den Schulen die mathematischen Wissenschaften gelehrt haben. Da fand ich denn zuerst bei Cicero, daß Nicetas geglaubt habe, die Erde bewege sich. Sodann fand ich auch bei Plutarch, daß einige andere ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Von hier also den Anlaß nehmend, fing auch ich an, über die Beweglichkeit der Erde nachzudenken. Und obgleich die Ansicht widersinnig schien, so tat ich es doch, weil ich wußte, daß schon anderen vor mir die Freiheit vergönnt gewesen war, beliebige Kreisbewegungen zur Erklärung der Erscheinungen der Gestirne anzunehmen. Ich war der Meinung, daß es auch mir wohl erlaubt wäre zu versuchen, ob unter Voraussetzung irgendeiner Bewegung der Erde zuverlässigere Deutungen für die Kreisbewegung der Weltkörper gefunden werden könnten als bisher. [KOPERNIKUS: Über die Kreisbewegungen der Weltkörper. Übersetzt von C. L. Menzzer. Thorn 1879]

„Wir müssen natürlich auch noch hinzufügen, dass die Wirksamkeit eines jeden Gedankens in sehr starkem Maße davon abhängt,
ja oft nahezu völlig davon bestimmt wird, ob er zu einem geeigneten Zeitpunkt und in einer historische herangereiften Situation ausgesprochen wird.“
(K. Simonyi)

„Ich finde es in Ordnung, dass man nicht die Lehre des Kopernikus ergründet, sondern diese:
Es ist von entscheidender Wichtigkeit für das ganze Leben zu wissen,
ob die Seele sterblich oder unsterblich ist.“
(B. Pascal)

 

Nachtrag, eine Woche später. Folgendes gab Anlaß zu weiterer persönlicher Reflektion:
Erstens, über das eigene Weltbild. Kopernikus schreibt: „Auch konnten sie die Hauptsache, nämlich die Gestalt der Welt und die tatsächliche Symmetrie ihrer Teile, weder finden noch aus jenen berechnen, sondern es erging ihnen so, als wenn jemand von verschiedenen Orten her Hände, Füße, Kopf und andere Körperteile zwar sehr schön, aber nicht in der Proportion eines bestimmten Körpers gezeichnet, nähme und, ohne daß sie sich irgendwie entsprächen, mehr ein Monstrum als einen Menschen daraus zusammensetzte.
Zweitens, über Demut: „Weder bitte ich um die gleiche Gnade, die dem Paulus gewährt wurde, noch suche ich die Vergebung, die Petrus fand, sondern ich bitte inbrünstig um diejenige, die Du am Kreuz dem Schächer gegeben hat.“ – Das Bildnis ist aus dem Jahr 1589, Kopernikus starb 1543, der Spruch stammt von Piccolomini.

Zweiter Nachtrag. 2. März. Über geeignete Zeitpunkte und historisch herangereifte Situationen (Simonyi-Zitat oben). Kopernikus hat wahrlich den Καιρός, die gelegene Zeit, ausgekauft (Kolosser 4,5). Ich musste aber auch an einen anderen, den gelegenen Zeitpunkt schlechthin denken: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz, damit er die, die unter Gesetz waren, loskaufte“ (Galater 4,4-5). Gerade habe ich festgestellt, dass das hier verwendete griechische Wort für Zeit χρόνος ist. Die Fülle der Zeit (πλήρωμα τοῦ χρόνου) war wohl auch ein geeigneter Zeitpunkt (Καιρός).

Dritter Nachtrag. 16. März. Andreas Gryphius, Uber Nicolai Copernici Bild:
Du dreymal weiser Geist / du mehr denn grosser Mann!
Dem nicht die Nacht der Zeit die alles pochen kan /
Dem nicht der herbe Neyd die Sinnen hat gebunden /
Die Sinnen / die den Lauff der Erden new gefunden.
Der du der alten Traeum und Duenckel widerlegt:
Und Recht uns dargethan was lebt und was sich regt:
Schaw itzund blüht dein Ruhm / den als auff einem Wagen /
Der Kreiß auff dem wir sind muß umb die Sonnen tragen.
Wann diß was irrdisch ist / wird mit der Zeit vergehn /
Soll dein Lob unbewegt mit seiner Sonnen stehn.

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Quellennachweise

S. Simonyi: Kulturgeschichte der Physik. Von den Anfängen bis 1990. Verlag: Harri Deutsch und Thun Frankfurt am Main, 1995. Das Zitat von Kopernikus ist hier entnommen.

Schmauch, Hans, „Copernicus, Nicolaus“ in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 348-355 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118565273.html#ndbcontent

Blaise Pascal: Pensées. Verlag Lambert Schneider, 8. Aufl. 1978

Andreas Gryphius: Gedichte. Reclam Universalbibliothek 8799