Lenin – was war und wollte dieser Mann

Die Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPSS, Nikita Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der KPSS [„Geheimrede“] und der Beschluß des Parteitages „Über den Personenkult und seine Folgen“, gehalten 25. Februar 1956, könnte man heute als Teil einer Exit-Strategie aus dem Stalinismus bezeichnen. Man kann sich vorstellen, dass nicht alle Parteimitglieder bereit waren, offen Kritik an Stalin zu üben, vielmehr betrachteten sie „die Folgen dessen, daß die Verbrechen der Staats- und Parteiführung bekannt wurden, als nicht kalkulierbar“. Der Zusammenhang zwischen der Kritik an Stalin und Systemkritik war allzu naheliegend. Chruschtschow aber war bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

In seiner Rede übte der Nachfolger Stalins offen Kritik am Stalinismus, die sich gegen die Repressionen und „Säuberungen“ der 30er Jahre, vor allem aber gegen den Kult um Stalins Person richtete, der “Jahrzehnte lang wie eine Ikone verehrt und glorifiziert wurde und als Garant für die Befreiung vom „Joch des Kapitalismus“ galt”. Zum gegebenen Anlaß Lenins 150. Geburtstag zitiere ich aus dieser wirkungsvollen Rede:

Zitat – Es sei mir erlaubt, Sie vor allem daran zu erinnern, wie streng die Klassiker des Marxismus-LENINismus jegliche Erscheinung von Personenkult verurteilten. […]
Bekannt ist die enorme Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir Iljitsch LENIN. LENIN unterstrich stets die Rolle des Volkes als des Schöpfers der Geschichte, die führende und organisierende Rolle der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus sowie die Rolle des Zentralkomitees.
Gleichzeitig prangerte er unbarmherzig jegliche Erscheinung von Personenkult an, führte er einen unerbittlichen Kampf gegen die dem Marxismus fremden Ansichten der Sozialrevolutionäre über „Helden“ und „Masse“, gegen Versuche der Gegenüberstellung von „Helden“ auf der einen und von Massen und Volk auf der anderen Seite.
LENIN lehrte, daß die Kraft der Partei auf dem unverbrüchlichen Bund mit den Massen beruht und darauf, daß das Volk – Arbeiter, Bauern, Intelligencija – der Partei folgt. „Nur der wird siegen und die Macht behaupten“, sagte LENIN, „der an das Volk glaubt, der bis auf den Grund der lebendigen Schöpferkraft des Volkes tauchen wird.“
LENIN sprach mit Stolz von der bolschewistischen, kommunistischen Partei als einer Führerin und Lehrerin des Volkes, er rief dazu auf, alle entscheidenden Fragen zur Beurteilung den bewußten Arbeitern und ihrer Partei vorzulegen; er sagte: „der Partei glauben wir, in ihr sehen wir die Vernunft, die Ehre und das Gewissen unserer Epoche.“ – Zitat Ende, Chruschtschows Geheimrede bei 100(0) Schlüsseldokumente.

Chruschtschows Rede wird als parteipolitischer Schachzug bezeichnet. Es gibt verschiedene Überlegungen dazu, was seine Motive waren. Ethischen Überzeugungen wird dabei eine untergeordnete Rolle beigemessen. Unter den politischen Umständen der Zeit war eine Kritik an Stalin und an Lenin für einen Politiker vom Range Chruschtschows in der Sowjetunion nicht möglich. Die Zeit titelte über die Rede: Die Wahrheit über den Genossen Stalin. Nun – die „Wahrheit über Stalin“ stützte sich auf eine Lüge über Lenin. In der Politik geht es um Macht und nicht um Wahrheit, selbst wenn man annimmt, dass Chruschtschow in seiner Rede im Hinblick auf Lenin nicht bewusst lügte, sondern selbst an eine Lüge glaubte. Genosse Stalin folgte nämlich niemand anders als Lenin, in dessen Schatten er bis zu seinem Tod still wartete, bis seine Zeit gekommen war.

Lenin wurde wie ein Gott verehrt [Nachtrag 24.4.2020: Er wurde vor allem posthum zu einem ideologischen ‚Gottvater‘ stilisiert. Somit übte er auch als toter Mann eine politische Funktion sowohl für Stalin als auch für Chruschtschow aus, indem er jedem auf seine Weise zur Legitimation des politischen Kurses diente, dem einen so, dem anderen so.]. Die Propagandeplakate (z.B. hier und hier) legen ein beredtes Zeugis davon ab. Die Kommunistische Partei, deren Führer Lenin war, betrieb eine wahre Volksumerziehung, um ihr Idealbild von einer sozialistischen Gesellschaft zu verwirklichen. Der britische Historiker Orlando Figes schildert in Die Flüsterer, wie das vor sich ging:

Zitat (Figes, KINDER VON 1917, S. 66) – Von einem frühen Alter an wurden Kinder im “Onkel Lenin”-Kult unterwiesen. Im Kindergarten hießen sie, sobald sie auf ein Bild des Sowjetführers deuten konnten, “Oktoberkinder” (oktjabrjata). Nach Lenins Tod befürchtete man, dass eine Generation von Kindern aufwachsten könnte, die ihn nicht mehr kannte, deshalb wurden die Schulen instruiert, “Lenin-Ecken” einzurichten: politische Schreine mit Propaganda über den gottgleichen Gründer des Sowjetstaates. Legenden über Lenin und die anderen Revolutionshelden waren ein wichtiges Mittel der politischen Erziehung. Die meisten Kinder verstanden die Ideologie des Sowjetstaates nicht – für sie war die Revolution ein schlichter Kampf zwischen “Gut” und “Böse” – , aber sie konnten sich mit den Heldentaten der Revolutionäre identifizieren.


„Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben!“
„Lenin ist mit uns!“
„Lenin ist auch heute der Lebendigste der Lebendigen“
„Der menschlichste aller Menschen“
„Der große Lenin hat uns den Weg erleuchtet!“
(Einige Parolen, die auf Lenin-Plakaten verbreitet wurden.)


Eine Fotografie in Figes‘ Buch zeigt eine solche Lenin-Ecke. Lenin im Herrgottswinkel, einer kleine Zimmerecke, geschmückt nicht mit einem Kruzifix, sondern passend zur Weltanschauung mit Fotografien, Zeitungsausschnitten, Fahnen und diversen anderen Andachtsgegenständen um die Person Lenins.

Lenin Ecke der Zwanziger Jahre. Aus Figes, siehe Quellenangaben.

Zitat (Figes, S. 43) – »Die neue Struktur des politischen Lebens verlangt von uns eine neue Struktur der Seele«, schrieb Maxim Gorki im Frühjahr 1917.
Für die Bolschewiki lief die radikale Verwirklichung der »kollektiven Persönlichkeit« darauf hinaus, »die Hülle des Privatlebens zu sprengen«. Eine »Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Leben«, behauptete Lenins Frau Nadeshda Krupskaja, »wird früher oder später zum Verrat am Kommunismus führen«. Der Gedanke eines vom Reich der Politik losgelösten »Privatlebens« sei unsinnig, denn die Politik beeinflusse alles; nichts im sogenannten Privatleben eines Menschen, die Familienbeziehungen eingeschlossen, sei unpolitisch. Folglich müsse die persönliche Sphäre politischer Aufsicht und Kontrolle unterworfen werden. Privaträume jenseits der staatlichen Kontrolle galten als gefährliche Brutstätten für Konterrevolutionäre, die entlarvt und ausgemerzt werden mussten.

Zitat (Figes, S. 49-50) – Die Familie bildete den ersten Schauplatz, auf dem die Bolschewiki ihren Kampf einleiteten. In den zwanziger Jahren waren sie überzeugt davon, dass die »bürgerliche Familie« sozial schädlich sei: Sie erschien ihnen als nach innen gerichtet und konservativ, als Bollwerk von Religion, Aberglauben, Ignoranz und Vorurteil; sie fördere Egoismus und Raffgier; zudem unterdrücke sie Frauen und Kinder. Die Bolschewiki erwarteten, dass die Familie verschwinden werde, wenn sich Sowjetrussland zu einem vollauf sozialistischen System entwickelt habe, in dem der Staat die Verantwortung für sämtliche wesentlichen hauswirtschaftlichen Aufgaben übernehmen und Kindergärten, Wäschereien und Kantinen in öffentlichen Zentren und Wohnvierteln zur Verfügung stellen werde. Von der Hausarbeit befreit, würden die Frauen gleichberechtigt mit Männern in den Arbeitsprozess eintreten. Die patriarchalische Ehe mit der damit verbundenen Sexualmoral werde aussterben und, wie die Radikalen glaubten, von »freien Liebesbündnissen« ersetzt werden.

Nach Ansicht der Bolschewiki war die Familie das größte Hindernis für die Sozialisierung der Kinder. »Wenn die Familie ein Kind liebt, macht sie es zu einem egoistischen Wesen und ermutigt es, sich als Mittelpunkt des Universums zu betrachten «, schrieb die sowjetische Erziehungswissenschaftlerin Slata Lilina. Bolschewistische Theoretiker waren sich darin einig, dass diese »egoistische Liebe« durch die »rationale Liebe« einer erweiterten »sozialen Familie« ersetzt werden müsse. Das ABC des Kommunismus (1919) sah eine künftige Gesellschaft vor, in der Eltern nicht mehr das Wort »mein« für ihre Sprösslinge benutzen und sich statt nur um sie um sämtliche Kinder in ihrer Gemeinschaft kümmern sollten. Unter den Bolschewiki vertrat man unterschiedliche Meinungen darüber, wie lange dieser Wandel dauern würde. Die radikaleren argumentierten, die Partei solle mit entschlossenem Vorgehen für die unverzügliche Untergrabung der Familie sorgen, doch die meisten akzeptierten den Standpunkt Bucharins und der NÖP-Theoretiker, dass die Familie in einem bäuerlichen Land wie Sowjetrussland noch für einige Zeit die Hauptzelle der Produktion und des Konsums bleiben und ihren Einfluss allmählich verlieren werde, wenn das Land den Übergang zu einer städtischen sozialistischen Gesellschaft vollziehe. – Zitat Ende, Figes.

Über Lenin aus einem bpb-Sonderheft: Informationen zur politischen Bildung Nr. 322/2014, Sowjetunion I: 1917-1953. Der Sieg der Bolschewiki – W. I. Lenin und die Bolschewiki als „kämpfende Avantgarde“:

Zitat – Lenin, bürgerlich Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), kam aus einer adligen, gut situierten Familie aus Simbirsk (heute Uljanowsk) an der mittleren Wolga. Sein Vater war der typische Liberale, als den ihn sein Sohn später verachten sollte. Er bewunderte die Reformen Alexanders II. (reg. 1856-1881) und war sehr religiös. Sein Sohn Wladimir wurde 1887 jäh aus einem behüteten Leben gerissen, als sein Bruder wegen eines Attentatsversuchs auf den Zaren hingerichtet und ihm selbst daraufhin ein reguläres Studium an der Universität verweigert wurde. Er lebte von Pachtzahlungen und Zinsen, während er sich im Selbststudium mit Jura, aber auch mit Marx und den Narodniki beschäftigte. 1891 legte er sein Jura-Examen ab und zog nach St. Petersburg, um dort die von ihm bewunderten Marxisten zu treffen.

Hier wurde er schnell zu einem der Anführer, der marxistisches Denken mit den Lehren der Narodniki anreicherte: Lenin entwickelte die Idee einer kleinen, kämpfenden Avantgarde, die als Vortruppe mit Gewalt der Revolution den Weg bahnen müsse, weil das bäuerliche Volk zu träge und dumpf sei, um selbst sein Schicksal in die Hand zu nehmen. 1895 wurde er verhaftet und befand sich bei Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands 1898 in Verbannung in Sibirien. Mit der Frage, ob die Sozialdemokraten eine Massenpartei mit gewerkschaftlichen Fürsorgefunktionen oder eine Elitetruppe von Berufsrevolutionären sein solle, spaltete er 1903 auf dem II. Parteitag, der in Brüssel und London stattfand, die Partei: Nachdem seine Gegner den Kongress aus Protest verlassen hatten, stellte seine Fraktion, die das Elitemodell befürwortete, die Mehrheit (russ.: bolschinstwo), während die anderen nun die Minderheit (russ.: menschinstwo) bildeten.

Die Bolschewiki standen für eine Mischung aus aufklärerischem Befreiungsprogramm und gewaltsamem Umsturz: Adlige Güter und bürgerliche Betriebe sollten enteignet und an Arbeiter und Bauern verteilt werden, die Hochschulen sollten nur noch Arbeiterkinder ausbilden, die Frauen und die Völker sollten befreit werden. In welcher Form und mit welchen Mitteln das zu geschehen hatte, behielt sich die Partei zu bestimmen vor. Die Bolschewiki standen also für eine gewaltbereite Führerpartei, die für sich in Anspruch nahm, die Dinge besser verstehen und entscheiden zu können als die unmündigen Massen. Lenin, der bis 1917 im ausländischen Exil weilte, schrieb während der Revolution 1905, als er für wenige Monate nach Russland zurückkehrte, an das Petersburger Parteikomitee:

„Ich sehe mit Entsetzen, wahrhaft mit Entsetzen, dass man schon länger als ein halbes Jahr von Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt hat!“Zitat Ende, bpb.

Die Gesellschaft musste mit den Mitteln des Schreckens und der Gewalt in ihre neue Ordnung gebracht werden. Der russische Historiker Oleg Chlewnjuk, schreibt in seiner 2015 erschienenen Stalin-Biographie:

Zitat – Ein Grund für Lenins Stärke war, dass er keinerlei Hemmungen hatte, einen Bürgerkrieg auszulösen, den er als ein natürliches Element des Übergangs zum Sozialismus betrachtete. Er konnte nicht annehmen, dass ganz Russland die Herrschaft des radikalen Bolschewismus ohne Gegenwehr akzeptieren würde, von Russlands Verbündeten im Weltkrieg ganz zu schweigen. Durch das Überraschungselement ihres Aufstands und die Erschöpfung der Massen gewannen die Bolschewiki etwas Zeit, doch die Lage änderte sich schnell. Die Illegitimität der neuen Regierung, ihre groben und zynischen Maßnahmen und ihre sozialen Experimente, die die bestehende Ordnung auf den Kopf stellten, stießen unvermeidlich auf massiven Widerstand.“

[Verschiedene politische Entwicklungen, die auch mit Gewalt vorangetrieben wurden], ebneten einem Bürgerkrieg den Weg, der bald das gesamte Land erfasste. […] Die von den Bolschewiki ausgelöste neue Welle des Blutvergießens wuchs mit erstaunlihcer Geschwindigkeit und überflutete praktisch ohne Unterbrechung drei Jahre lang, von 1918 bis 1920, das Land.

Die durch den Bürgerkrieg zu beklagenden Todesopfer waren weit größer als die russischen Verluste im Ersten Weltkrieg und während der Februarrevolution. Von den 16 Millionen Menschen, die laut demografischen Schätzungen von 1914 bis 1922 im Russischen Reich und in Sowjetrussland an Verletzungen, Hunger oder Krankheit starben, kamen mindestens die Hälfte in den drei Jahren des Bürgerkriegs ums Leben. Außerdem flohen etwa zwei Millionen ins Ausland. Die entsetzliche Hungersnot der Jahre 1921/1922, die vor allem durch den Bürgerkrieg ausgelöst wurde, kostete weiteren fünf Millionen Menschen das Leben. Demgegenüber verlor Russland im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1917 »nur« etwas mehr als 2 Millionen Menschen. Diese entsetzliche Statistik unterschied Russland von den anderen Ländern, die durch den Weltkrieg verheert wurden. Krieg, Hunger und Epidemien herrschten hier doppelt so lang und forderten einen viel höheren Tribut.

Doch selbst diese schrecklichen Zahlen geben kein vollständiges Bild vom Grauen des Bürgerkriegs ab. Das allgegenwärtige Elend, die Abstumpfung gegenüber menschlichem Leid und die Zerstörung jedes Gefühls für Recht und Unrecht lassen sich statistisch nicht erfassen. Brutale Morde und massenhafter Terror wurden alltäglich. Von der allgemeinen Verrohung wurden unweigerlich auch die Bolschewiki erfasst. Der Bürgerkrieg formte den neuen Staat und bestimmte weitgehend seine Entwicklung. – Zitat Ende, Chlewnjuk, S. 99 – 101.

Der deutsche Historiker Jörg Baberowski zitiert die Erfahrungen der Leute stellvertretend am Beispiel der Schriftstellerin Sinaida Gippius. Sie erlebte die ersten Monate nach der bolschewistischen Machtergreifung als einen unaufhörlichen Alptraum. «Wir leben», schrieb sie, «schon so lange im Strom der offizielen Worte ‚erdrücken‘, ‚ersticken‘, ‚vernichten‘, ‚zermalmen‘, ‚ausrotten‘, ‚im Blut ertränken‘, ‚ins Grab bringen‘ usw., dass die alltägliche Wiederholung unflätiger Schimpfworte auf uns keinen Eindruck mehr macht.» Solch rohe Gewalt sei nur möglich gewesen, weil die Apathie der Hungernden und Elenden dem Widerstand die letzte Kraft geraubt habe.“ – Aus Jörg Baberowski: Verbrannte Erde – Stalins Herrschaft der Gewalt, Seite 56, II Imperiale Gewalträume, 2. Revolutionen.

Baberowski weiter (Seiten 64-66) – Die russische Revolution verknüpfte das Menschenglück mit der physischen Vernichtung von Menschen, sie war die Geburtsstunde der totalitären Versuchung, die Welt durch den Einsatz mörderischer Gewalt neu zu errichten.
So gesehen führten die Bolschewiki den staatlich organisierten Massenmord als Möglichkeit überhaupt erst in die Praxis der modernen Politik ein. Im russischen Bürgerkrieg kam sie erstmals zur Anwendung. So löste sich die Gewalt, die Menschen anderen Menschen seit jeher zugefügt hatten, vom Kampfgeschehen. Sie wurde zu einem Instrument staatlicher Intervention.

Der Terror begann unmittelbar nach dem Oktoberumsturz. Im November 1917 wurden die Konstitutionellen Demokraten für vogelfrei erklärt, Anfang Januar 1918 töteten Matrosen der Roten Garde die prominenten liberalen Politiker Schingarjow und Kokoschkin, die in einem Krankenhaus lagen, auf bestialische Weise. Wenige Monate später weiteten die Bolschewiki ihren Terror auf streikende Arbeiter und renitente Bauern aus, ließen Oppositionelle verhaften und erschießen. Nicht einmal der sozialrevolutionäre Volkskommissar für Justiz, Isaak Steinberg, verstand, welchem Zweck dieser Terror diente. Denn wozu brauchte man ein Ministerium für Justiz, wenn es das Töten und Foltern nicht einmal mehr ins Recht setzen konnte? «Wozu haben wir dann aber überhaupt ein Volkskommissariat für Justiz? Nennen wir es doch einfach «Kommissariat für soziale Ausrottung und kümmern wir uns nicht mehr darum.» Lenin brachte für solche Kritik kein Verständnis auf. Seine Revolution stand im Dienst der Vernichtung, und deshalb gab es für das Volkskommissariat für Justiz keine andere Aufgabe, als sich an der «sozialen Ausrottung» zu beteiligen. […]

(S. 65) Die Bolschewiki wußten, daß ihre Macht auf ihrer Fähigkeit beruhte, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Jedermann mußte jederzeit damit rechnen, eingesperrt oder umgebracht zu arden. Unter solchen Umständen zerfielen alle Sicherungen und Vertrauensbeziehungen, die es Menschen ermöglichen, mit anderen Menschen in einer Gesellschaft zu leben. Der Ausnahmezustand wurde zum Regierungsprinzip erhoben und mit ihm die Macht totalisiert.

(S. 66) An der Urheberschaft solchen Terrors ließ die politische Führung in Moskau keinen Zweifel aufkommen. Die Bolschewiki bekannten sich ihren Taten, jede Tötungsaktion mußte in der kommunistischen Presse bejubelt, die Namen der Opfer veröffentlicht werden. Lenin selbst trieb die Schergen der Tscheka zu Höchstleistungen bei der Vernichtung von Feinden an. Als im August 1918 im Gouvernement Nischni Nowgorod Unruhen ausbrachen, sandte er dem Vorsitzenden des lokalen Exekutivkomitees ein Telegramm, das genaue Anweisungen enthielt, wie solche Unzufriedenheit zu bekämpfen sei: Der Vorsitzende des Exekutivkomites solle eine Diktatur errichten, «Massenterror einführen, Hunderte von Prostituierten erschießen und deportieren lassen. Wer im Besitz von Waffen sei, müsse sofort getötet werden, «Menschewiki und unzuverlässige Elemente» seien aus der Region fortzuschaffen. […]

Lenin war ein bösartiger Schreibtischtäter, dem menschliche Tragödien, Leid und Elend nichts bedeuteten. Aber er war kein Zyniker, der sich nur für den Machterhalt interessierte, denn was er für richtig hielt, wollte er auch um jeden Preis verwirklicht sehen. Im Verständnis Lenins befanden sich die Bolschewiki auf einem Kreuzzug, sie waren Glaubenskrieger, die eine heilige Mission zu erfüllen hatten. Die Bolschewiki vollstreckten den Willen der Geschichte, erbarmungs- und mitleidlos. – Zitat Ende, Baberowski.

 

Quellen und Literaturhinweise:

Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPSS, N. S. Chruščev auf dem XX. Parteitag der KPSS [„Geheimrede“] und der Beschluß des Parteitages „Über den Personenkult und seine Folgen“, 25. Februar 1956, URL: https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0014_ent&object=abstract&st=LENIN&l=de

Zeit-Artikel: Die Wahrheit über den Genossen Stalin. https://www.zeit.de/2006/08/A-Geheimrede

Informationen zur politischen Bildung Nr. 322/2014, Sowjetunion I: 1917-1953. Der Sieg der Bolschewiki – W. I. Lenin und die Bolschewiki als „kämpfende Avantgarde“, von Susanne Schattenberg, Maike Lehmann, Alexandra Oberländer, 5.8.2014, https://www.bpb.de/izpb/189541/sowjetunion-i-1917-1953

Orlando Figes: Die Flüsterer – Leben in Stalins Russland, Berlin Verlag, Berlin 2008

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde – Stalins Herrschaft der Gewalt, Fischer Taschenbuch 2014

Baberowskis Buch besprochen von Arno Orzessek in „Terror als Methode“, Beitrag im deutschlandunk Kultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/terror-als-methode.950.de.html?dram:article_id=141119

Oleg Chlewnjuk, O. Chlewnjuk, Stalin – Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2015

Interview mit Oleg Chlewnjuk zu seiner neuen Stalinbiographie „Aufarbeitung in Russland wäre wichtig“ im deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunk.de/neue-stalin-biografie-aufarbeitung-in-russland-waere-wichtig.694.de.html?dram:article_id=328248

Нелепые исторические подделки, Историк Олег Хлевнюк о том, кто, зачем и как пишет биографии вождей. https://lenta.ru/articles/2015/08/29/bioleader/

rbth-Artikel „Der Lebendigste der Lebendigen“: Die sowjetische Propaganda porträtierte Lenin als Gott. https://de.rbth.com/geschichte/81853-sowjetische-propaganda-lenin-als-gott

1935. Der Personenkult Stalins. Deutsch-russisches Forschungs- und dokumentationsprojekt „Werben für eine Utopie. Russische Plakatkunst des 20. Jahrhunderts“ von Klaus Waschnik und Nina Baburina. http://www.russianposter.ru/archive.php?rid=31040386700003

1924. Wladimir Iljitsch Lenin und das Leninbild. Deutsch-russisches Forschungs- und dokumentationsprojekt „Werben für eine Utopie. Russische Plakatkunst des 20. Jahrhunderts“ von Klaus Waschnik und Nina Baburina. http://www.russianposter.ru/archive.php?rid=31040383300003