Lieb ist mir die Wahrheit…

Lieb ist mir die Wahrheit – anzunehmen, dass Dostojewskij so dachte, wäre falsch. Nein, die Wahrheit war nicht im Register der Dinge, die ihm lieb waren. Jedenfalls nicht die auf Vernunft und Logik gegründete, bewiesene Wahrheit, die Gesetze der Naturwissenschaft und Mathematik. Und Christus ist nicht eine solche Wahrheit.

Man kann über die Gesetze der Natur, Arithmentik, Geometrie usw. fasziniert sein, darüber staunen, sich daran erfreuen, sie schön und nützlich finden – und sie sind es auch -, und manche haben die daraus entspringenden Wahrheiten, die jedermann ohne Ausnahme überzeugen, und nicht nur überzeugen, sondern zwingen, vielleicht auch geliebt und verehrt. Das ist verständlich und vielleicht vergleichbar mit einem Gefühl, das einen überkommt, wenn man vor einer 1000-jährigen Eiche steht. Wer eine solche Eiche absägt, dem sollen die Hände verdorren! Wer die Gesetze der Natur und der Logik nicht anerkennt, dem werden Ohren und Nase abgeschnitten, die Augen ausgestochen, Essig statt Wein serviert.
Menschen zwar kommen und gehen, die Wahrheiten aber bleiben bestehen. Aber im Grunde sind es nichtige Wahrheiten, den Scheiterhaufen nicht wert.
Wir vermögen nichts gegen diese Wahrheit; sie ist unüberwindlich, eine Unmöglichkeit, eine steinerne Mauer. Ich will mich aber nicht mit ihr abfinden. Das „Zwei mal zwei ist vier“ ist eine Frechheit. Das „Zwei mal zwei ist vier“ steht mittem im Weg, stemmt die Hände in die Hüften und spuckt. Das „Zwei mal zwei ist vier“ ist bereits der Anfang des Todes. Zwei mal zwei ist vier! die Erde dreht sich um die Sonne! – was geht es mich an? Du glaubst, der Mensch ist aus dem Affen hervorgegangen – dir geschehe wie du geglaubt hast! Du glaubst, Christus ist die Wahrheit – Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart! Ich will gemäß meines „törichten Glaubens“ leben und magst du mir auch die Augen ausstechen – wer sagt, dass es die körperlichen Augen sind, mit denen ich Lüge von Wahrheit unterscheide?

Das ist bereits der Einstieg in Dostojewkijs Werk, dessen Lektüre ich mit dem Vorangegangenem und folgendem Ausschnitt aus Aufzeichungen aus dem Kellerloch ans Herz lege:

Denn die Unmöglichkeit, das ist eine steinerne Mauer! Was ist das für eine steinerne Mauer? Nun, selbstverständlich die Naturgesetze, die Resultate der Naturwissenschaften, die Mathematik. Wenn man dir zum Beispiel beweist, dass du vom Affen abstammst, dann hat es keinen Zweck, die Stirn zu runzeln; nimm die Sache hin, wie sie ist. Und wenn man dir beweist, dass ein einziges Gramm deines eigenen Fettes dir eigentlich teurer sein muss als hunderttausend dir ähnliche Wesen und dass dieses Resultat mit allen sogenannten Tugenden und Pflichten und anderen Albernheiten und vorgefassten Meinungen endgültig aufräumt, so nimm auch das hin; da ist weiter nichts zu machen; denn zwei mal zwei ist vier, lehrt die Mathematik. Versuche einmal, diesen Satz zu widerlegen!
“Erlauben Sie”, ruft man uns zu; “dagegen kann man sich nicht auflehnen: Das ist so sicher wie zwei mal zwei vier ist! Die Natur fragt Sie nicht; sie kümmert sich nicht um Ihre Wünsche; sie kümmert sich nicht darum, ob Ihnen ihre Gesetze gefallen oder nicht. Sie müssen die Natur so nehmen, wie sie ist, und folglich auch alles, was aus ihr resultiert. Eine Mauer ist eben eine Mauer…” und so weiter und so weiter. Herrgott, aber was scheren mich die Gesetze der Natur und der Mathematik, wenn mir diese Gesetze und der Satz “Zwei mal zwei ist vier” aus irgendwelchem Grund missfallen? Selbstverständlich werde ich gegen eine solche Mauer nicht mit der Stirn anrennen, wenn ich tatsächlich nicht die Kraft habe, sie einzurennen; aber ich werde mich mit ihr auch nicht einzig und allein deswegen versöhnen, weil sie von Stein ist und meine Kraft ihr gegenüber nicht ausreicht.
Als ob eine solche Steinmauer wirklich eine Beruhigung wäre und wirklich etwas auch nur einigermaßen Versöhnliches enthielte, bloß weil sie eine Art von “Zwei mal zwei ist vier” ist!

— Die entsprechende Stelle in meiner russischen Ausgabe von 1979, die mein Vater mir vermacht hat:

Невозможность — значит каменная стена? Какая каменная стена? Ну, разумеется, законы природы, выводы естественных наук, математика. Уж как докажут тебе, например, что от обезьяны произошел, так уж и нечего морщиться, принимай как есть. Уж как докажут тебе, что в сущности одна капелька твоего собственного жиру тебе должна быть дороже ста тысяч тебе подобных и что в этом результате разрешатся под конец все так называемые добродетели и обязанности и прочие бредни и предрассудки, так уж так и принимай, нечего делать-то, потому дважды два — математика. Попробуйте возразить.

«Помилуйте,— закричат вам,— восставать нельзя: это дважды два четыре! Природа вас не спрашивается; ей дела нет до ваших желаний и до того, нравятся ль вам ее законы или не нравятся. Вы обязаны принимать ее так, как она есть, а следственно, и все ее результаты. Стена, значит, и есть стена… и т. д., и т. д.». Господи боже, да какое мне дело до законов природы и арифметики, когда мне почему-нибудь эти законы и дважды два четыре не нравятся? Разумеется, я не пробью такой стены лбом, если и в самом деле сил не будет пробить, но я и не примирюсь с ней потому только, что у меня каменная стена и у меня сил не хватило.

Как будто такая каменная стена и вправду есть успокоение и вправду заключает в себе хоть какое-нибудь слово на мир, единственно только потому, что она дважды два четыре.