Lieblingslyrik

 

Psalm I

O Glück des Mannes,
der nicht ging im Rat der Frevler,
den Weg der Sünder nicht beschritt,
am Sitz der Dreisten nicht saß,
sondern Lust hat an SEINER Weisung,
über seiner Weisung murmelt tages und nachts!
Der wird sein
wie ein Baum, an Wassergräben verpflanzt,
der zu seiner Zeit gibt seine Frucht
und sein Laub welkt nicht:
was alles er tut, es gelingt.
Nicht so sind die Frevler,
sondern wie Spreu, die ein Wind verweht.
Darum bestehen Frevler nicht im Gericht,
Sünder in der Gemeinde der Bewährten.
Denn Er kennt den Weg der Bewährten,
aber der Weg der Frevler verliert sich.
[Verdeutscht von Martin Buber]
-.-

William Shakespeare (* 26.04.1564jul., † 03.05.1616greg.)

Sonet 66

Tir’d with all these, for restful death I cry,
As, to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimm’d in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,

And guilded honour shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,
And folly (doctor-like) controlling skill,
And simple truth miscall’d simplicity,

And captive good attending captain ill:
Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

Перевод Б. Пастернака
ШЕКСПИР Сонет 66

Измучась всем, я умереть хочу.
Тоска смотреть, как мается бедняк,
И как шутя живется богачу,
И доверять, и попадать впросак,
И наблюдать, как наглость лезет в свет,
И честь девичья катится ко дну,
И знать, что ходу совершенствам нет,
И видеть мощь у немощи в плену,
И вспоминать, что мысли заткнут рот,
И разум сносит глупости хулу,
И прямодушье простотой слывет,
И доброта прислуживает злу.
Измучась всем, не стал бы жить и дня,
Да другу трудно будет без меня.
-.-

Andreas Gryphius (* 2.10.1616, † 16.07.1664)

«Einsamkeit»

IN diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten /
Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See:
Beschau’ ich jenes Thal und diser Felsen Höh’
Auff welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.
Hir / fern von dem Pallast; weit von des Pövels Lüsten /
Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’
Wie / auff nicht festem Grund’ all unser Hoffen steh’
Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag uns grüßten.
Die Höl’ / der rauhe Wald / der Todtenkopff / der Stein /
Den auch die Zeit aufffrist / die abgezehrten Bein.
Entwerffen in dem Mutt unzehliche Gedancken.
Der Mauren alter Grauß / diß ungebau’te Land
Ist schön und fruchtbar mir / der eigentlich erkant /
Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.
-.-

«Es ist alles eitell» (Prediger 1,2)

Du sihst/ wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:
Wo itzund Staedte stehn / wird eine Wisen sein
Auff der ein Schaefers-Kind wird spilen mitt den Herden.
Was itzund praechtig blueht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /
Nichts ist das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Jtz lacht das Glueck vns an / bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein traum vergehn.
Soll den das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn.
Ach! was ist alles diß / was wir für koestlich achten/
Als schlechte Nichtikeitt / als Schatten / Staub und Wind;
Als eine Wisen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!
-.-

Auff den Sontag deß ernehrenden Versorgers/oder
VII. Sontag nach dem Fest der H. Dreyeingkeit/
Marc. 8.

Wenn gleich kein Mittel wär’/ und aller Trost verschwinde:
Und ich ohn Hülff und Trost nur ungepflügtes Land
Und gar nicht fruchtbar Holtz/ und öder wüsten Sand
In höchster Hungers-Noth für meinen Augen fünde:
So zag‘ ich dennoch nicht. Denn könt auch seinem Kinde
Der vor vier tausend Mann hier Brodt und Speise fand
Und überbleiben ließ? Verschliessen Hertz und Hand?
Drumb ists umbsonst/ daß ich mich selbst mit Sorgen binde!
Nicht ohn ists/ ich bin arm/ und mit viel Angst beschwert
Doch weiß ich: wer nur stets zu Gott die Sinnen kehrt
Den gantz kein Sünden Netz/ kein Zweifel-Strick kan fangen:
Der gutt’s zu thun sich müht: der Christum fleissig hört
Und Ihn mit fester Treu‘ und reinem Leben ehrt/
Wird/ was er darff und wil/ mit Ueberfluß erlangen.
-.-

August Stramm (* 29.07.1874, † 01.09.1915)

«Erhört»

Das Hauchen weht
Und
Wirft die Widerstände
Das Wehen bebt
Und
Schüttelt Halt zu Boden
Das Hauchen braust
Und
Wirrt die wühle Tiefe
Das Brausen schwirrt
Und
Schluchzt das Herzblut auf.
Das Hauchen stürmt
Und
Reißt die Zeit in Ewig
Das Stürmen stürzt
Und
Wirbelt in das Nichtsein!
Du
Haucht
Das
Du!
Und
Hauchen Hauchen
Hauchen
Stürmet
Du!
-.-

«Wunder»

Du steht! Du steht!
Und ich
Und ich
Ich winge
Raumlos zeitlos wäglos!
Du steht! Du steht!
Und
Rasen bäret mich
Ich
Bär mich selber!
Du!
Du!
Du bannt die Zeit
Du bogt der Kreis
Du seelt der Geist
Du blickt der Blick
Du
Kreist die Welt
Die Welt
Die Welt!
Ich
Kreis das All!
Und du
Und du
Du
Stehst
Das
Wunder!
-.-

«Abendgang»

Durch schmiege Nacht
Schweigt unser Schritt dahin
Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen
Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt
In Schatten
Uns!
Hoch flimmt der Stern
Die Pappel hängt herauf
Und
Hebt die Erde nach
Die schlafe Erde armt den nackten Himmel.
Du schaust und schauerst
Deine Lippen dünsten
Der Himmel küßt
Und
Uns gebärt der Kuß!
-.-

Rainer Maria Rilke (* 04.12.1875, † 29.12.1926)

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
Aufgestörte Wünsche ziehn
Darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
Will es, rauschend und muschelschwer,
An deiner Seele landen.
-.-

Kann mir einer sagen, wohin
ich mit meinem Leben reiche?
Ob ich nicht auch noch im Sturme streiche
und als Welle wohne im Teiche,
und ob ich nicht selbst noch die blasse, bleiche
frühlingsfrierende Birke bin?
-.-

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
-.-

Leise hör ich dich rufen
in jedem Flüstern und Wehn.
Auf lauter weißen Stufen,
die meine Wünsche sich schufen,
hör ich dein Zu-mir-gehn.
Jetzt weißt du von dem Gefährten,
und dass er dich liebt … das macht:
Es blühen in seinen Gärten
die lang vom Licht gekehrten
Blüten, blühn über Nacht …
-.-

Nur fort von allen vielen,
welche das Leben spielen:
Das war mein blindes Zielen,
war ohne Sinn und Saum.
Jetzt weiß ich: Dir entgegen
trieb ich auf tausend Wegen
am Tage und im Traum.

Und du bist das Erlösen,
nach welchem ich in bösen,
bangen Fiebern schrie;
im Dicherkennen sanken
meine reisigen reifsten Gedanken
wie Kinder in die Knie.
-.-

«Schlußstück»
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
-.-

Joseph von Eichendorff (* 10.03.1788, † 26.11.1857)

Sonette

2
So eitel künstlich haben sie verwoben
Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,
Daß sie die Sünd in diese Unschuld brachten:
Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?
Doch wer mag würdig jene Reinen loben,
Die in der Zeit hochmüt’gem Trieb und Trachten
Die heil’ge Flamme treu in sich bewachten,
Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!
O Herr! gib Demut denen, die da irren,
Daß, wenn ihr‘ Künste all zuschanden werden,
Sie töricht nicht den Gott in sich verfluchen!
Begeisterung, was falsch ist, zu entwirren,
Und Freudigkeit, wo’s öde wird auf Erden,
Verleihe denen, die dich redlich suchen!

5
So eitel künstlich haben sie verwoben
Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,
Daß sie die Sünd in diese Unschuld brachten:
Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?
Doch wer mag würdig jene Reinen loben,
Die in der Zeit hochmüt’gem Trieb und Trachten
Die heil’ge Flamme treu in sich bewachten,
Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!
O Herr! gib Demut denen, die da irren,
Daß, wenn ihr‘ Künste all zuschanden werden,
Sie töricht nicht den Gott in sich verfluchen!
Begeisterung, was falsch ist, zu entwirren,
Und Freudigkeit, wo’s öde wird auf Erden,
Verleihe denen, die dich redlich suchen!
-.-

Nr. 5 oben erinnert mich an Boris Pasternak:

Борис Пастернак
«Быть знаменитым некрасиво»

Быть знаменитым некрасиво.
Не это подымает ввысь.
Не надо заводить архива,
Над рукописями трястись.

Цель творчества самоотдача,
А не шумиха, не успех.
Позорно ничего не знача,
Быть притчей на устах у всех.

Но надо жить без самозванства,
Так жить, что бы в конце концов
Привлечь к себе любовь пространства,
Услышать будущего зов.

И надо оставлять пробелы
В судьбе, а не среди бумаг,
Места и главы жизни целой
Отчеркивая на полях.

И окунаться в неизвестность,
И прятать в ней свои шаги,
Как прячется в тумане местность,
Когда в ней не видать ни зги.

Другие по живому следу
Пройдут твой путь за пядью пядь,
Но пораженья от победы
Ты сам не должен отличать.

И должен ни единой долькой
Не отступаться от лица,
Но быть живым, живым и только,
Живым и только до конца.
-.-

«Wer rettet?»

Es ist den frischen Quellen eigen,
Was alt und faul, beherzt zu unterwühlen
Und Wasserkünste unversehns und Mühlen
Wild zu zerreißen, wenn die Fluten steigen.

Es liebt das Feuer frei emporzusteigen,
Verzehrend, die mit seinen Lohen spielen,
Es liebt der Sturm, was leicht, hinwegzuspülen,
Und bricht, was sich hochmütig nicht will neigen.

Sahn wir den Herren nun in diesen Tagen
Ernst richtend durch das deutsche Land geschritten
Und Wogenrauschen hinter seinen Tritten
Und Flammen aus dem schwanken Boden schlagen,
Empor sich ringelnd in des Sturmes Armen:
Wer rettet uns noch da, als sein Erbarmen?
-.-

Johann Georg Jacobi (* 1740, † 1814)

Sagt wo sind die Veilchen hin?
Die so freudig glänzten
Und der Blumen Königin
Ihren Weg bekränzten?
Jüngling ach! Der Lenz entflieht,
Diese Veilchen sind verblüht!

Sagt wo sind die Rosen hin?
Die wir singend pflückten,
Als sich Hirt und Schäferin
Hut und Busen schmückten?
Mädchen ach! Der Sommer flieht,
Jene Rosen sind verblüht!

Führe denn zum Bächlein mich,
Das die Veilchen tränkte;
Das mit leisem Murmeln sich
In die Täler senkte.
Luft und Sonne glühten sehr,
Jenes Bächlein ist nicht mehr!
-.-

Heinrich Heiche
aus Neue Gedichte, zit. nach DHA, Bd. 6, S. 73

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.
Es war ein Traum.
Das konte mich auf deutsch und sprach auf deutsch
(Man glaubt es kaum
Wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich!“
Es war ein Traum.
-.-

Samuel Beckett
In: From an Abandoned Work

Oh,
I
know
I too shall cease and be as when I was not yet, only all over instead of in store. That makes me happy, often now my murmur falters and dies and I weep for happiness as I go along and for love of this old earth

that has carried me so long and whose uncomplainingness will soon be mine. Just under the surface I shall be, all together at first, then separate, and drift through all the earth and perhaps in the end through a cliff into the sea, something of me.

A ton of worms in an acre, that is a wonderful thought,
a ton of worms, I believe it.
-.-

Joni Mitchell
Both Sides Now (1967 song)

I’ve looked at life from both sides now,
From win and lose and still somehow
It’s life’s illusions I recall;
I really don’t know life at all.