Es gibt eine Stelle im ersten Petrusbrief, die mich an meine Schulzeit in den 80-er Jahren in Kasachstan, damals noch Unionsrepublik der Sowjetunion, erinnert. Es heißt dort im 1. Kapitel:

[mit etwas Vorlauf:] damit die Bewährung eures Glaubens viel kostbarer befunden wird als die des vergänglichen Goldes, das durch Feuer erprobt wird, zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi; [– und jetzt kommt‘s: –] den ihr liebt, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt; an den ihr glaubt, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht, über den ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude jubelt; 11. Petrus 1,7.8

Hierzu fällt mir ein kleiner russischer Reim ein, sehr einprägsam: «Я маленькая девочка, я в школу не хожу. / Я Ленина не видела, но я его люблю». Übersetzt heißt das: «Ich bin ein kleines Mädchen, ich gehe nicht zur Schule. / Ich habe Lenin nicht gesehen, aber ich liebe ihn.» — Das ist nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe der in Lieder und Gedichte verpackten Lehren und Ideale, die man Kindern in der Sowjetunion eingeschärft hat. Heute findet man sehr schöne Videos dazu auf youtube, z.B. hier, die das Einweihungsritual der Pioniere dokumentieren, das Einschwören auf den Kommunismus, Lenin und seine Formeln. Lenin – den ihr liebt, obleich ihr ihn nicht gesehen habt. Dass das fast genauso klingt wie der Bibelvers, ist kein Zufall.

Die mit Lenin begonnene Kulturrevolution zielte auf den Menschen selbst. Das Individuum war der erste Feind. Der Mensch sollte sich ganz der neuen sozialistischen Ordnung verschreiben, an sich selbst arbeiten, den Körper stählen, sich durch Disziplin zu Höchstleistungen gegen den Widerstand der Naturkräfte trainieren, Gefühle und unbewusste Prozesse der Kontrolle durch Vernunft und Willen unterwerfen, sich von familiären und religiösen Bindungen lösen, sich ganz und gar dem Wohl des Kollektivs verschreiben.2Vgl. Baberowski Das traditionelle Familienleben sollte grundlegend umgestaltet werden, die Religion durch Wissenschaft verdrängt, die Routinetätigkeiten durch wissenschaftliche Technik.3Leo Trotzki: Denkzettel […], aus Baberowski, siehe Literaturhinweise Gesetze sollten die religiösen Praktiken auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion unterbinden. Von einfachen Gläubigen nahm man ohnehin an, dass sie im Zuge des sozialistischen Aufbaus durch naturwissenschaftliche Aufklärung und antireligiöse Propaganda auf lange Sicht selbst auf die Ausübung der Religion verzichteten. Doch die traditionellen Lebensformen erwiesen sich als unerwartet zählebig und konnten nicht allein durch Gesetzeserlasse nach den Vorstellungen der Machthaber umgestaltet werden. 4Dahlke, s. Literaturhinweise Man musste die Herzen der Menschen erreichen, ihre Gefühle ansprechen und ihre Gewohnheiten verändern. Das beinhaltete Maßnahmen wie „rote Hochzeiten“ und „rote Beerdigungen“. Anstelle der christlichen Taufe ließ man seine Kinder kommunistisch Taufen, genannt „oktobern“, und drückte damit ein Bekenntnis zur bolschewistischen Ordnung aus. Ostern, Pfingsten, Weihnachten, die islamischen und jüdischen Feste und Fastenzeiten wurden durch neue Feiertage, Sportfeste und sozialistische Erntefeiern ersetzt, die an denselben Tagen stattfanden.5Vgl. Baberowski

Es war unmöglich, sich diesem Einfluss zu entziehen, undenkbar bspw. nicht den Pionieren beizutreten. Tatsächlich aber gab es Familien, die sich dem verweigerten. Nicht viele, aber es gab sie. In Kasachstan musste man sie insbesondere unter der deutschen Minderheit suchen, die nicht nur durch ihre deutsche Abstammung eine Minderheit war, sondern weil sie Christen waren. Eine Minderheit innerhalb der Minderheit. Sie haben das rote Halstuch der Pioniere und einige andere Dinge abgelehnt, nicht weil sie Deutsche waren, sondern weil sie Christen waren und manche Gelübde nicht über ihre Lippen bringen konnten, denn das hieße, einen Menschen an die Stelle Gottes zu setzen. Natürlich hatte das unangenehme Konsequenzen für sie und ihre Kinder. In den 80-er Jahren musste aber keiner mehr damit rechnen, dass er dafür in den GULAG kommt, oder sowas wie eine „rote Taufe“ in seinem eigenen Blut und dem seiner Kinder erlebt.

Ich gehörte zu denen, die mit ihrer feierlichen Schuluniform, dem roten Tuch um den Hals in dem großen Strom mitmarschierten und die Parolen nachplapperten. Der Sowjet-Kommunismus mit den Augen eines Kindes (im Rückblick) sah so aus: Es gab eine strenge, in mancher Hinsicht fast militärische Disziplin, die uns Kindern in Schule und Kindergarten abverlangt wurde. Mit der Schuluniform und den einstudierten stereotypen Redewendungen und Verhaltensmustern hatte man der Masse von jungem und noch formbaren „menschlichem Material“ ein standardiertes Verhalten antrainiert, das des Sowjetkollektivs würdig war.
Die Kommunisten verachteten die „barbarische Routine“ der täglichen Alltagsabläufe des einfachen russischen Bauern. Was sie aber an ihrer Stelle einführten, war eine viel umfangreichere Routine, die in einer Vielzahl rein äußerlicher Handlungen bestand, von denen man mit mehr oder weniger Berechtigung auf die wahren inneren Geschehnisse des menschlichen Lebens schließen konnte.

An meiner Schule hingen in jedem Klassenzimmer drei Porträts: Marx, Engels, Lenin. Lenin war „überall“. Ein treffliches Gedicht dazu, was die Porträts vermitteln sollten, ist hier – «Die aufgehende Sonne erleuchtet das Portrait an der Wand… als wäre er lebendig, blickt Iljitsch mich an… / Ich will ein echter Leninist werden, damit ich ihm mutig in die Augen blicken kann.» – Mag sein, dass das zur Schulzeit meiner Eltern noch irgendeine Wirkung erzielte. Aus der Distanz betrachtet kann das nur allzu leicht als angelernte Menschenfurcht abgeurteilt werden. Im letzten Jahrzehnt vor dem Zerfall der Sowjetunion hatten die Portraits keine tiefere Bedeutung mehr, die über die bloße Erinnerung an längst vergangene Zeiten hinausging.

Ich erinnere mich an Paraden zur Feier kommunistischer Gedenktage und des Sieges über den Faschismus, an denen die ganze Schule teilnehmen musste. Fand ich immer sehr schön, sehr feierlich, irgendwie hoben sie die allgemeine Stimmung, weckten pathetische Gefühle. Das drückten auch die Lieder aus: Wir sind eine Siegernation! Weiter so! Wir haben die Geschichte auf unserer Seite! Die wichtigsten Gebäude, Straßen und alle Menschen waren wie aus dem Ei gepellt, Blumen, Luftballons, Girlanden überall. Aus den Lautsprechern ertönte Marschmusik unterbrochen von kräftigen Parolen. Fahnen hissen, Feuerwerk, feierliche Reden, Salutieren, Marschieren in Reih und Glied und dabei gemeinsam ein Lied anstimmen. Ausnahmsweise gab es in den Läden Dinge zu kaufen, die es gewöhnlich nicht gab, verschiedene Süßigkeiten – fast das Paradies auf Erden für ein Kind in einem Land, wo die Menschen in Mangel lebten und die Worte «дефици́т» (Mangelware) und «по блату» (sinngemäß „Vitamin B“) zu den Alltagsvokabeln der Erwachsenen gehörten.

Das System Sowjetunion stand zu meiner Zeit kurz vor dem Zerfall. Das Mitlaufen in seinem Schatten, den die einstige Blütezeit auf uns warf, hat mich denoch geprägt, genauso wie es die Kinder der Eltern geprägt hat, die nicht mitmachten. Hat das Leben im Westen die Vergangenheit einfach ausgetilgt? War es je wirklich tiefgreifend, wenn wir uns das moderne Russland, selbst mit all seinen Sowjetnostalgikern, anschauen? Weil die Kommunisten sich Bibelverse zunutze machten, ihren ursprünglichen Sinn entleerten und ihnen eine neue Bedeutung gaben, möchte ich auf diese Praxis genauso antworten: Wir waren ein Volk, das Lenin zwar mit den Lippen ehrte, aber ihr Herz war weit entfernt von ihm6Mt 15,7 Heuchler! Trefflich hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht: 8 „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. [Jesaja 29,13]. „Lenin“ lässt sich hier leicht austauschen und die Aussage stimmt immer noch. Ich glaube, der Vers beschreibt eine natürliche Neigung des Menschen. Er kann auch ein Andachtsbuch lesen oder in der Kirche in ein Loblied mit einstimmen, die Augen sehen, die Lippen reden, die Ohren hören – aber das Herz ist im Tiefschlaf. Im Leerlaufprozess reiht der Mund Worte aneinander und erzeugt dabei Schallwellen. Ein Lied singen und die Wahrheit aussprechen kann auch Alexa(TM), von Freiheit ist hier keine Spur.

Der Mensch kann nicht nur lesen und singen, er kann auch Gebete sprechen und Fragen stellen, ohne dass es etwas bedeutet. Gebete sprechen ist noch nicht gleichbedeutend dem Beten und Fragen zu stellen ist noch nicht gleichbedeutend dem Fragen. In einem Moment von welthistorischer Bedeutung wurde dem Prokurator von Judäa ein Mann, der Christus genannt war, zum Verhör vorgeführt. Pilatus spricht zu ihm: Was ist Wahrheit? – Eine Frage stellen kann auch ein Papagei. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zu irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort ein Papagei nicht nur die Nationalhymne pfeifen, sondern auch das Vaterunser nachplappern konnte.

Ein russischer Philosoph, den die Oktoberrevolution aus dem Lande vertrieb, schreibt: „In gewissem Sinne sind alle Menschen zu neun Zehnteln Papageien. Wohl sprechen sie aber hinter ihren Worten liegt nichts verborgen. Wenn also irgend jemand fragt, was die Zeit oder was die Ewigkeit sei, ja sogar was das Gute oder der Tod sei, soll man nicht meinen, dass er irgendwo „anklopfe“ und dass sich ihm also, wenn die Hl. Schrift die Wahrheit sagt, etwas auftun müsse. Er klopft gar nicht an, er spricht nur Worte aus. „Anklopfen“ ist nicht so leicht, ist gar nicht so leicht, und wir alle pflegen nur in seltenen Fällen, außerordentlich seltenen Fällen „anzuklopfen“. Darum wird uns vielleicht auch nicht aufgetan. Selbst die alten heiligen Männer zogen oftmals Nachgrübeln dem Anklopfen vor. Jetzt aber, da uns so viele Bücher zur Verfügung stehen und in jedem Buch so viele fertige Ideen zusammengetragen sind, wer hätte da Lust, auf eigene Wag und Gefahr nachzuforschen? Um so mehr, da auch an die Heilige Schrift niemand glaubt. Alle sind überzeugt, dass nicht aufgetan werden wird, soviel man auch anklopfen mag, dass niemand da sei zum Auftun. Und darum ziehen es die Menschen vor, geistreiche Kombinationen aus alten Ideen zu machen, statt zu denken und zu suchen, d.h. statt jene ungeheure Anstrengen zu machen, bei der allein Fragen entstehen, die es verdienen, beantwortet zu werden.“ 7Schestow, s. Literaturhinweise

„Niemand glaubt an die Heilige Schrift.“ — Richtig. Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; … da ist keiner, der Gott suche. … da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer.8Römer 3
Frage an Radio Eriwan: Ist die Lage des Menschen hoffnungslos? Antwort: Im Prinzip ja, wäre Christus nicht am Kreuz für ihn gestorben.
— Damit ist das Banner für den Menschen aufgerichtet. Es kommt gar nicht darauf an, ob alle Menschen zu neun Zehnteln, oder mehr, oder weniger, Papageien sind. Vielleicht sind sie auch zu einem Teil Esel oder Kaninchen. Fest steht, es bleibt immer noch ein irreduzibler Teil Mensch. Es ist noch keinem Papageien eingefallen, demonstrativ seinen Gehorsam gegen die bestehende Ordnung zu verweigern. Der Mensch aber verweigert ihn und erträgt dafür Verhöhnung und Geißelung, Fesseln und Gefängnis. In der Zeit des Großen Terrors hat es kein Papagei gewagt, Witze über die „Helden der Revolution“ oder den übermäßigen Pathos zu machen, oder sich in selbstironischer Weise darüber lustig, dass er bei jedem Türklopfen zusammen zuckt, weil es die Geheimpolizei sein könnte, weshalb er seinen Koffer längst gepackt hat.

Der Mensch wird auch nicht aufhören, bestimmte Fragen zu stellen. Aber welche rätselhaften Fragen mögen es sein, von denen der Philosoph spricht, „die es verdienen, beantwortet zu werden“? Was die Zeit oder was die Ewigkeit sei? Es bleibt den Philosophen vorbehalten, „jene ungeheuren Anstrenungen“ zu unternehmen, sie zu stellen. Von Antworten ist weit und breit nichts zu sehen. Einem gewöhnlichen Menschen drängen sich im Verlauf seines Lebens von selbst, ohne Anstrengung, ohne „zu denken und zu suchen“, eine Menge von Fragen auf, die er beantworten muss. Darunter auch solche, die aus seinem schwachen, beschränkten Dasein in die Ewigkeit reichen. Und die Heilige Schrift gibt ihm bereitwillig Antworten. – Wer sie kennt, weiß, dass es keinen Grund für solch philosophischen Pessimismus gibt, dessen einziges Interesse darauf gerichtet ist, den Finger in die Wunde zu legen, zu tadeln ohne zu lieben, was er tadelt. – Es passieren immer noch Wunder, dass z.B. ein Mensch bei ihr „anklopft“, vielleicht entgegen seiner Überzeugung, dass nicht aufgetan werden wird. Aber die Schrift richtet sich nicht nach dem Menschen und seinen Erwartungen.
Aus der Geschichte vermag ich erst recht keinen Pessimismus abzuleiten, was nicht heißen soll, dass man sich mit der Welt, wie sie ist, arrangieren soll. Es gibt hier auf Erden Institutionen, nicht von dieser Welt, die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. (Und damit meine ich nicht Radio Eriwan.) Darüber kann man auch mit „unaussprechlicher und verherrlichter Freude jubeln“, heute am 101. Jahrestag der Oktoberrevolution.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Quellen und Literaturhinweise

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde, Kap. IV, I. Neue Menschen

Sandra Dahlke: Einführung zum historischen Dokument „Über die religiösen Vereinigungen“. Beschluß des VCIK und des SNK RSFSR , 8. April 1929, hier.

Sabine A. Haring: Der Neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, bpb Artikel.

Lew Schestow: Auf Hiobs Wage, II., §29

Anmerkungen   [ + ]

1. 1. Petrus 1,7.8
2, 5. Vgl. Baberowski
3. Leo Trotzki: Denkzettel […], aus Baberowski, siehe Literaturhinweise
4. Dahlke, s. Literaturhinweise
6. Mt 15,7 Heuchler! Trefflich hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht: 8 „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. [Jesaja 29,13]
7. Schestow, s. Literaturhinweise
8. Römer 3