Wenn in einer heidnischen Familie auf einer Insel der Südsee ein Kind an Ruhr erkrankt, geht sein Vater zum Wahrsager. Der stellt mit Hilfe des Palmblatt-Orakels fest, auf welchen Zauber die Krankheit des Kindes zurückzuführen ist. Daraufhin geht der Vater zum Medizinmann, der den entsprechenden Gegenzauber macht, um die Krankheit zu vertreiben.1Text: Pfarrer Richard Neumaier, Grafik: Heinz Giebeler. Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Urhebers: Evangelischer Diakonissenring, Schriftenmission, Elsa-Brändström-Straße 10, 72555 Metzingen. Text und Grafiken wurden von mir geringfügig angepasst.

In diesem Denken hat die Naturwissenschaft noch keinen Platz. Die natürlichen Zusammenhänge zwischen Ansteckung, Krankheit und Heilung werden außer acht gelassen. Man führt die Krankheit auf eine übernatürliche Ursache zurück und geht mit magischen Mitteln gegen sie vor. In solchen Gegenden der Welt treten bei der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus keine naturwissenschaftlichen Probleme auf. Von dieser Seite her steht dem christlichen Glauben nichts im Wege.

Bei uns in Europa liegen die Dinge anders. Wir sind zwar nicht allesamt Naturwissenschaftler, aber die Naturwissenschaft bestimmt unser Denken doch sehr stark. Alles, was in unserer Welt geschieht, sehen wir in natürlichen Zusammenhängen. Für alles suchen wir einen natürlichen Grund.

Für uns Christen geht die Welt nicht in der Natur auf; aber die Natur mit ihren Ordnungen hat auch für uns ein großes Gewicht. Bewusst oder unbewusst versuchen wir alles, was über die Natur hinausgeht, mit ihr in Einklang zu bringen. Gelingt uns das nicht, dann leiden wir darunter. Ob das nötig ist, ob die Spannungen zwischen christlichem Glauben und naturwissenschaftlichem Denken in jedem Fall durchzustehen sind, ist eine offene Frage. Könnte es nicht sein, dass wir als Christen in mancher Hinsicht unnötig leiden? Dass wir ein schlechtes Gewissen haben, wo ein solches gar nicht am Platze ist? Die Zahl der Menschen, die verstandesmäßig an die Fragen des Glaubens herangehen, ist bei uns heute sehr groß, besonders in der jungen Generation, die mit der modernen Wissenschaft und Technik heranwächst. Eine Klärung der anstehenden Probleme ist darum sehr dringlich.

Um zu einer klaren Sicht der Dinge zu kommen, wollen wir versuchen, uns den geschichtlichen Werdegang der Naturwissenschaft in ihrem Verhältnis zum christlichen Gottesglauben zu vergegenwärtigen.

Christlicher Glaube im Bund mit der Naturwissenschaft

In der Zeit vor der Aufklärung war der christliche Glaube einen Bund mit der Naturwissenschaft eingegangen. Genauer gesagt: mit der Naturphilosophie, denn die damalige Naturwissenschaft war stark an die Philosophie gekoppelt. Griechische Philosophen, vor allem Plato (†347 v.Chr.) und sein Schüler Aristoteles (†322 v.Chr.), schrieben der Welt eine göttliche Intelligenz zu, ein geistiges Durchdrungensein, das sie als “Weltvernunft” bezeichneten. Sie standen staunend vor der gesetzmäßigen Bewegung der Planeten und dem Kreislauf der Natur und schlossen von ihr auf einen sie bewegenden Geist, der als ruhendes Sein das wogende Geschehen auslöst und ihm seine Gesetze mitgibt.

Hinter der sichtbaren Welt mit ihren erkennbaren Ordnungen vermuteten diese Philosophen also eine unsichtbare Welt, in der die Ursprünge und Urformen alles Sichtbaren liegen. Diese Erkenntnis, die in der griechischen Metaphysik ihren Niederschlag gefunden hat, war auf dem Wege menschlichen Nachdenkens gewonnen worden. Christliche Denker wie Albertus Magnus (†1280 in Köln) und sein Schüler Thomas von Aquin (†1274) suchten die Philosophie des Aristoteles mit der christlichen Theologie zu verschmelzen. Nach ihrer Ansicht gibt es eine natürliche Gotteserkenntnis, die durch eine intensive Beobachtung der Welt gewonnen, und eine übernatürliche, die durch göttliche Offenbarung geschenkt wird. Sie setzten das Sein der Griechen in eins mit dem Gott der Bibel. Griechische Naturerkenntnis sollte sich mit christlicher Glaubenserfahrung decken.

Auf zweierlei Wegen kommt nach dieser Ansicht der Mensch an dasselbe Ziel: das, was sich der menschlichen Vernunft auf dem Wege des Nachsinnens über das Wesen der Welt erschließt, und das, was sich dem christlichen Glauben bei der betenden Beschäftigung mit der Bibel offenbart. Letzteres allerdings in einer vollkommeneren Weise; denn nach Thomas von Aquin vollendet die Gnade die Natur, d.h. die Gottesoffenbarung führt die Naturerkenntnis über sich selbst hinaus.

Es wurden also zweierlei Gottesvorstellungen miteinander verbunden: die aus der Offenbarung Gottes in Jesus Christus gewonnene Erkenntnis Gottes als des Vaters unseres Herrn Jesus Christus, und die durch menschliches Nachdenken gewonnene Idee der Weltvernunft der griechischen Philosophie. Der Gott der Philosophen wurde zum Vater unseres Herrn Jesus Christus erhoben, wodurch die christliche Gotteserkenntnis eingeebnet und der menschlichen Naturerkenntnis gleichgesetzt war. Das sollte sich später rächen2Darauf gehe ich in meinem Artikel „Vom Umsturz einer Weltordnung“ ein..

Der Gottesglaube im Aufstand gegen die Naturwissenschaft

In der Folgezeit wurden in der Naturwissenschaft unerwartete Entdeckungen gemacht. Sie stellten viele der herrschenden Ansichten nicht nur in Frage, sondern geradezu auf den Kopf. Das geozentrische Weltbild wurde vom heliozentrischen abgelöst. Nikolaus Kopernikus (1473-1543), ein Zeitgenosse Martin Luthers, stellte fest, dass die Sonne den Mittelpunkt unseres Planetensystems bildet und nicht etwa die Erde, wie man bis dahin gemeint hatte.

Der damals mit der Naturwissenschaft verschwisterte Gottesglaube konnte diese Entdeckung nicht einfach mitmachen. Denn in der Bibel, aus der er seine Erkenntnis schöpfte, stand nichts von einer Drehung der Erde um die Sonne; weder im Alten noch im Neuen Testament hatte Gott das seinem Volk geoffenbart. Um nun die mühsam erreichte Einheit von Gottesoffenbarung und Naturerkenntnis nicht preisgeben zu müssen, verwarf die offizielle Kirche die neu aufgekommene Naturerkenntnis. Galileo Galilei, der berühmte italienische Naturforscher (1564-1642), wurde zweimal vor das Inquisitionsgericht gestellt, weil er die Entdeckung des Kopernikus verteidigte. Schließlich (1633) wurde er genötigt, der kopernikanischen Lehre abzuschwören. „Ich verwerfe feierlich meine Behauptung, dass sich die Erde um die Sonne bewege!“ soll er gesagt, leise aber hinzugefügt haben: „Aber sie bewegt sich doch!“

Die Stellung der Kirche im Kampf gegen die neue Naturerkenntnis erwies sich natürlich als unhaltbar. Es folgte nun Entdeckung auf Entdeckung in der Astronomie und in der Physik so dass der Gottesglaube, der sich immer noch auf die bereits gestürzte Naturphilosophie stützte, von einer Erschütterung zur andern ging. Die damalige Kirche mit ihrer an die griechische Metaphysik verhafteten Theologie geriet in immer stärkeren Gegensatz zu der Naturwissenschaft und beschwor damit deren Feindschaft herauf.

Die Naturwissenschaft im Kampf gegen den Gottesglauben

Es kam, wie es kommen musste: Die Naturwissenschaft zog zu Felde gegen den Glauben an Gott, der ihre neuen Erkenntnisse verurteilt hatte. Das Ptolemäische Weltbild, an das sich der Gottesglaube unnötigerweise gebunden hatte, war durch die Forschungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft gestürzt worden. Damit schien auch der Glaube an Gott gestürzt zu sein; er erschien vielen naturwissenschaftlich denkenden Menschen genau so unhaltbar wie das alte Weltbild. Deshalb ging man daran, ihn zu Grabe zu tragen.
“Gott ist tot!” konnte am Ende dieser Entwicklung ein Friedrich Nietzsche (1844-1900) verkünden. Diese Botschaft wurde dem Basler Philologen und Philosophen zwar nicht allgemein abgenommen; aber der vermeintliche Sturz des Gottesglaubens wirkte sich trotzdem verheerend aus.

Dabei handelte es sich um nichts anderes als um eine tragische Verwechslung. Gestürzt war nämlich nicht der Glaube an den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, sondern der Glaube an den Gott der griechischen Denker, der Glaube an die Weltvernunft des Aristoteles, an das höchste Sein der Philosophen. Ihn riss das Weltbild der Antike mit sich in die Tiefe.

Was zu Grabe getragen wurde, war der erdachte Gott. Dem lebendigen Gott, der sich in Jesus Christus dem glaubenden Menschen offenbart, war beim Sturz des alten Weltbildes nichts geschehen. Er ist eben nicht identisch mit der griechischen Weltvernunft. Aber der christliche Glaube, der infolge einer griechisch überfremdeten Theologie sehr stark mit der Aristotelischen Naturphilosophie verbunden war, ging durch schwere Anfechtungen. Er wurde als rückständig angesehen, als widerspruchsvoll beargwöhnt, als überholt bekämpft. Viele hielten ihn für unvereinbar mit der fortschreitenden Naturerkenntnis.

Fortsetzung: Der Gottesglaube in der Scheidung von der Naturwissenschaft.

Anmerkungen   [ + ]

1. Text: Pfarrer Richard Neumaier, Grafik: Heinz Giebeler. Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Urhebers: Evangelischer Diakonissenring, Schriftenmission, Elsa-Brändström-Straße 10, 72555 Metzingen. Text und Grafiken wurden von mir geringfügig angepasst.
2. Darauf gehe ich in meinem Artikel „Vom Umsturz einer Weltordnung“ ein.