Sola fide oder sola ratio

 

Feindschaft trennt Göttliches und Menschliches. (Tertullian, Apologeticum)


Es geht hier um die These aus dem letzten Beitrag:

…der Endzweck der Philosophie nicht die Wahrheit, sondern der Gehorsam und die Frömmigkeit seien, während die Wahrheit nur durch den Glauben, sola fide, erlangt werde.

Ich hatte vor Kurzem über Sokrates und Kant geschrieben. Sokrates war überzeugt, dass der Mensch im Gutsein seine Glückseligkeit, sein höchstes Gut, erlange. Wissen = Tugend = ewige Erlösung. Aus rechtem (folgerichtigem, widerspruchsfreiem) Denken folgt rechtes Handeln. Der Mensch soll gut sein, die Tugend ist der Gehorsam gegenüber dem Denken.

Kant erkannte vermöge der Vernunft ein moralisches Gesetz in sich, das sich aus dem Gesetz des Widerspruchs herleitet. Ein universal- und ewig-gültiges Gesetz, welches unfehlbar Vernunftwahrheiten liefert, die unüberwindlich sind und zwingend. Die Vernunft wies ihn in die Schranken der Frömmigkeit und des Gehorsams und verschaffte ihm jene “Glückseligkeit” (Sokrates) oder “Zufriedenheit mit sich selbst” (Spinoza), denn diese “kann aus der Vernunft entspringen, und allein diese Zufriedenheit, die aus der Vernunft entspringt, ist die höchste, die es geben kann.” Somit ist die Vernunft das “größte Geschenk und das göttliche Licht”, summa summarum: “welchen Altar kann der sich bauen, der die Majestät der Vernunft verletzt?” (alles Spinoza)

Sie können es nicht anders sagen, als religiöses Vokabular zu gebrauchen. Der Schüler Griechenlands (d.i. Kant) „betete kniefällig die Pflicht zum Gehorsam gegenüber dem moralischen Gesetz an“, so ein anderer Philosoph. Es wäre ihm wohl nie in den Sinn gekommen, der Logik zu mißtrauen und der Vernunft, die über allem thront und alles aus sich selbst schöpft. Auch Gott sei als Vernunftwesen der Vernunft untergeordnet und gehorcht ihren Gesetzen. “Das Gesetz ist König über alle, die Sterblichen und die Unsterblichen.” (Sokrates) “Der Gründer und Lenker aller Dinge … gehorcht immer, hat nur einmal befohlen.” (Seneca) Gott hat von Anbeginn der Zeit, vor Erschaffung der Welt dies und das zuvorerkannt und vorherbestimmt und kann nun nicht anders als seinen eigenen Ratschlüssen und Verordnungen zu gehorchen. Der Schöpfer befindet sich selbst in der Gewalt der von ihm selbst einmal vor ewig langer Zeit gefassten Pläne. Es sei daher absurd zu denken, dass Gott sich in menschliche Angelegenheiten mischt, in das Weltgeschehen eingreift, Gebete erhört. Selbst der Wille Gottes, wenn man ihn nicht irgend einem “ewigen Prinzip“ unterordnet, verwandelt sich in Willkür und Laune. – In den Tiefen der Seele des Menschen ist der Wunsch lebendig, selbst Gott irgend welche Grenzen zu setzen, sein schöpferisches Leben, sein Recht auf Befehlen zu verkürzen. Es muss auch für Gott unüberwindbare Hindernisse geben: das Gesetz des Widerspruchs und das Gesetz vom zureichenden Grunde. Diese beiden, so lässt Leibniz uns wissen, nahm er mit, wenn er sich auf die Suche nach der Wahrheit begab, gleich einem Schiffskapitän, der sich mit Kompaß und Karten ausstattet, wenn er ins offene Meer hinausfährt. – Einen Wissenschaftler mit dieser Haltung kann man nur loben… wenn sie nur dabei geblieben wären, diesen Gesetzen allein die Kreatur zu unterstellen.

Du hast ein moralisches Gesetz in dir erkannt, es erscheint als urewig und unerschütterlich, bleibt immer Gesetz und verliert kein Jota und kein Strichlein seiner Kraft und Macht? – Gut und recht! Wie wäre es mit dem Gedanken, dass Gott es in dein Herz geschrieben hat? Eine Abscheulichkeit, jedenfalls für Kant, denn das wäre das Ende der Philosophie. “Zu sagen, dass ein höheres Wesen in uns schon solch Begriffe und Grundsätze (a priori) weislich gelegt habe, heißt alle Philosophie zugrunde richten.” – Entweder es lebe die Philosophie oder es lebe der Gott der Heiligen Schrift. Lebt aber der Gott der Heiligen Schrift, dann besteht nicht deine Rettung im moralischen Gesetz, sondern dein Verderben, denn durch dieses wirst du gerichtet.

Was den Philosophen leuchtet, ist das Licht der Vernunft, mit Luther gesprochen: “Das Beste und Vorzüglichste im Menschen, […] die höchste Weisheit der Vernunft und die Gesetzesgerechtigkeit selbst” (Gal.Kom. 347). “Es ist ja das Gesetz über die Vernunft hinaus dem Menschen beigegeben, damit es ihn erleuchte, unterstütze und ihm zeige, was er tun und was er lassen soll. Nichtsdestoweniger kann der Mensch dennoch mit all seinen Kräften und mit der Vernunft, auch wenn dies höchste Licht und diese göttliche Wohltat, nämlich das Gesetz, hinzutritt, nicht gerechtfertigt werden. Wenn das Beste, was die Welt auf Erden hat (nämlich das Gesetz, das wie eine Art Sonne dem irdischen Licht oder der menschlichen, wenn auch schwachen Fackel, nämlich der Vernunft, beigegeben ist, um sie zu erleuchten und zu leiten) nicht rechtfertigen kann, was sollte dann bitte die Vernunft ohne das Gesetz? Ja, was?“ (306, 307)
– Sie reißt ihn für immer von Gott fort.
Aber ist die Vernunft so mächtig? Ist es nicht derselbe Glaube, der es verbietet, der Vernunft solche Macht einzuräumen?

Wir wollen also jene Orte verlassen, wo die Argumentation der Vernunft gültig ist und gültig sein kann und uns mit dem Glauben beschäftigen. Steigen wir mit dem Schüler des Himmes “hinauf in die Finsternis, wo weder Gesetz noch Vernunft leuchten, sondern allein das Rätselgeheimnis des Glaubens, der mit Gewißheit daran festhält, dass es Rettung außerhalb und jenseits des Gesetzes gibt, nämlich in Christo. So führt uns das Evangelium über das Licht des Gesetzes und der Vernunft hinaus und hinauf in die Finsternis des Glaubens, wo Gesetz und Vernunft nichts zu schaffen haben. “ (204)

Worin jene die Rettung des Menschen sehen – Gehorsam gegen alles gleichgültige und unpersönliche Gesetze, die die Vernunft lierfert – erblickte Luther sein Verderben. “Das Gesetz lebt und herrscht in den Gottlosen.” (269)

“Ich kann, denn ich soll”, sagt Kant. Luther hingegen: „Ich kann nicht, wenn ich auch sollte.“ Die Mönche bauen ihr Leben auf der These: “Wer das tut, was an ihm liegt, dem versagt Gott nicht die Gnade”. Luther entgegnet: “Der Mensch muss seinen Werken mißtrauen und die Gnade als Bewirkerin der Werke anflehen.” Die falschen Apostel lehren: Wenn du nicht dem Gesetz lebst, wirst du Gott nicht leben. Paulus lehrt: Wenn du nicht dem Gesetz gestorben bist, wirst du Gott nicht leben. Der Gesetzesgehorsam ist ein Dienst der Verdammnis.

Gegen diese Anklage und Verdammnis des Gesetzes habe ich ein anderes Gesetz, die Gnade und die Freiheit. Dies, mein Gesetz, klagt jenes anklagende Gesetz an und verdammt jenes verdammende Gesetz. So tötet ein Tod den anderen. Dieser Tod aber, der den Tod tötet, ist selber Leben, aber wird Tod des Todes genannt aus übergroßem Unwillen des Hl. Geistes gegen den Tod. So muss die Gerechtigkeit Sünde heißen, weil sie die Sünde verdammt und diese verdammende Sünde ist in Wahrheit Gerechtigkeit.” (267)

Welcher Weg führt nun zur Wahrheit? Der Weg der Vernunft, der durch Gehorsam und Frömmigkeit, obedientiam et pietatem, zu philosophischen Glückseligkeiten hinlenkt, jener “Zufriedenheit mit sich selbst” und “Tugend”, die für sich keinen Lohn erwartet und fordert, da sie selber der höchste Lohn, das höchste Gut ist? Oder der Weg des Glaubens an Jesus Christus, des Gesetzes Ende, zu Gott?

Für Luther ist es klar: Gesetzesgehorsam bringt zur Verachtung der Wahrheit (313) aber der Glaube rechtfertigt, “weil er Gott gibt, was ihm gebührt; wer das tut, der ist gerecht. Der Glaube spricht also: Ich glaube dir Gott, was du redest. Was aber spricht Gott? Unmögliche Dinge, Worte, die als Lügen erscheinen, als töricht, schwach, absurd, verabscheuungswürdig, ketzerisch, teuflisch, – wenn man nach der Vernunft urteilt. Denn was ist lächerlicher, törichter, unmöglicher, als wenn Gott zu Abraham sagt, dass er aus dem unfruchtbaren und schon erstorbenen Fleisch der Sara einen Sohn erhalten solle?

So wirft uns Gott allezeit, wenn der Artikel des Glaubens vorstellt, einfach unmögliche und absurde Dinge entgegen, wenn du nach dem Urteil der Vernunft gehen willst. So erscheint es der Vernunft gewiß lächerlich und absurd — [es folgen einige Beispiele, gekürzt:] – die Abendmahlsfeier, die Taufe, die Auferstehung der Toten und das Jüngste Gericht, [und weiter wörtlich:] dass Christus, der Sohn Gottes von der Jungfrau empfangen und geboren wurde, den unwürdigen Tod am Kreuz litt, auferweckt wurde, jetzt sitze zur Rechten des Vaters und alle Gewalt habe im Himmel und auf Erden. (Paulus nennt das Evangelium von dem gekreuzigten Christus das Wort vom Kreuz und eine törichte Predigt, die die Juden als ärgerliche, die Heiden als törichte Lehre beurteilen etc.) So urteilt die Vernunft über alle Artikel des Glaubens. Sie versteht ja nicht, dass es höchster Gottesdienst ist, das Wort Gottes zu hören und zu glauben. Sondern sie meint, dass das, was sie selbst auswählt und Gutes tut – wie sie sagen: mit Zielstrebigkeit und Eigenhingabe –, Gott gefalle. Daher, wenn Gott redet, urteilt die Vernunft, sein Wort sei Ketzerei und Teufelswort, es erscheint ihr nämlich als absurd etc. Dieser Art ist die Theologie aller Sophisten und Sektierer, die das Wort Gottes mit der Vernunft messen.

Aber der Glaube schlachtet die Vernunft und tötet jenes Tier, das die ganze Welt und alle Kreaturen nicht töten können. So hat es auch Abraham durch den Glauben ans Wort Gottes getötet, durch das ihm Samen aus der unfruchtbaren und bereits gebärunfähigen Sara verprochen wurde. Diesem Wort hat die Vernunft Abrahams gewiß nicht alsbald zustimmen können, gewiß kämpfte seine Vernunft in ihm gegen den Glauben, hielt es für lächerlich, absurd und unmöglich, dass Sara, die nicht nur schon 90 Jahre zählte, sondern auch von Natur unfruchtbar war, ihm einen Sohn gebären solle. Diesen Kampf hatte tatsächlich der Glaube mit der Vernunft in Abraham. Aber der Glaube in ihm hat gesiegt, hat geschlachtet und geopfert jenen höchst erbitterten und ganz verderblichen Feind Gottes. So müssen alle Frommen mit Abraham in die Finsternis des Glaubens hineinschreiten, müssen ihre Vernunft töten und sprechen: Du Vernunft bist töricht, verstehst nicht, was Gottes Sachen sind, daher widerstrebe mir nicht, sondern schweige, maße dir kein Urteil an, sondern höre Gottes Wort und glaube! Da schlachten die Frommen im Glauben die Bestie, die größer ist als die Welt und so bringen sie Gott die willkommensten Opfer und den wahren Gottesdienst dar.” (Gal.Kom. 361, 362)

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Quellen und Literaturhinweise

Alle Zitate Luthers, Angaben der Stellen in den Klammern, stammen aus der Auslegung des Galaterbriefs (Vorlesung von 1531). Luthers Epistelauslegung ist im Volltext verfügbar bei https://digi20.digitale-sammlungen.de/.

Лев Шестов, АФИНЫ И ИЕРУСАЛИМ, Online Ausgabe (russisch)