Wie gefährlich ist Corona wirklich?

Gunnar Kaiser interviewte Daniel von Wachter zu der Frage Wie gefährlich ist Corona wirklich? Viele haben sich das inzwischen angehört, kommentiert, geliked. Mein Kommentar:

#Es sind kontroverse Dinge.

Wie wahr. Niemand sagt, dass man keine andere Meinung haben darf. Wenn man seine Meinung in einer Frage äußert, die gerade die ganze Gesellschaft spaltet, muss man mit Ablehnung und Widerspruch rechnen. Mir fällt zu der ganzen Sache ein Spruch aus dem Buch Prediger ein: Wer Steine bricht, kann sich daran verletzen; wer Holz spaltet, kann sich dadurch gefährden.

Die Regierung muss handeln. Sie kann nicht erst alle ausdiskutieren lassen. Sie lässt sich von Experten beraten und muss dann irgendeine Richtung vorgeben, so wie ein Chef es in einer Firma auch macht. Dabei mag es sein, dass nicht immer die besten Entscheidungen getroffen werden. Wichtiger ist, dass mit dem gegeben unvollständigen Wissen möglichst gut gehandelt wird. Würde man abwarten bis alle Informationen vorhanden sind, um optimal Handeln zu können, wäre es zu spät.

Dass man handelt, ist normal. Wenn es eine Grippewelle wäre, würde man jetzt auch Maßnahmen ergreifen (z.B. Risikogruppen zu Impfungen raten, größere Menschenansammlungen meiden, usw.). Nur weil man noch mehr Erfahrung sammeln muss, um es besser machen zu können, heißt es nicht, dass man gar nichts unternehmen soll. Es kann sich rausstellen, dass man überreagiert hat, es kann sich aber auch rausstellen, dass man nicht früh genug reagiert hat. Aber nichts zu unternehmen, weil man etwas falsch machen könnte, und keine statistischen Kennzahlen zu erfassen, weil alles neu und die Datenlage so unsicher ist, ist garantiert falsch.

Ich empfinde die Einschränkungen durch den Lockdown auch als massiv. Aber es ist doch bemerkenswert wieviel wirtschaftlichen Schaden, Arbeitslosigkeit, fehlende Steuereinnahmen usw. die Regierungen vieler Länder jetzt in Kauf nehmen, um menschliches Leben (und auch ein Stück weit die Wirtschaft der Zukunft) zu retten. Da eher zu erwarten ist, dass das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung gegenüber wirtschaftlichen Interessen zu wenig beachtet wird (vgl. Auto-Lobbyismus, Diesel-Abgas-Skandal, Klima-Debatte), halte ich es für unwahrscheinlich, dass diese zu massiven wirtschatlichen Schäden führenden Einschränkungen leichtfertig beschlossen wurden und z.B. damit erklärt werden könnten, dass die Verantwortlichen nur an ihre politische Karriere denken würden.

#Der König und sein Vorkoster

Das Bild vom König und dem Vorkoster hinkt. Übertragen auf die Corona-Situation: Wer ist der König und wer ist der Vorkoster? In Wirklichkeit geht es gar nicht um einen einzelnen gesunden unvorbelasteten König. Es geht um eine große Gruppe von Königen, von denen einige gesund sind und einige krank, alt, vorbelastet. Man möchte nicht riskieren, dass zu viele von ihnen sterben. Auch den Kranken und Vorbelasteten will man eine Chance einräumen, ein wenig länger bei uns zu bleiben.
Es geht also um die Gesamtbevölkerung. Die Gesamtbevölkerung ist nicht „sehr gesund“ und nicht „halbwegs gesund“, sondern nur „durchschnittlich gesund“ und „durchschnittlich“ heißt: Es ist normal, dass eine erhebliche Anzahl von Menschen irgendwelche Erkrankungen und Vorbelastungen haben (Bluthochdruck, Diabetes, Herzinsuffizienz,…), mit denen sie noch längere Zeit hätten leben können, wenn sie nicht den Corona-Virus bekommen hätten. Selbst wenn es so wäre, wie man im Interview hört, dass „das Virus für einen normal-gesunden Menschen nicht gefährlich ist“ (was nicht stimmt), gälte trotzdem: der Durchschnitt der Bevölkerung ist nicht der gesunde unvorbelastete Mensch.

Die Allgemeinaussage des Philosophen hinsichtlich der Gefährlichkeit des Virus ist ungültig.
Mit dem Bild des Königs und des Vorkosters und mit den gewählten Beispielen der „philosophischen Untersuchung des Neuen Coronavirus“, wird ein schwacher Gegner konstruiert, den man leicht angreifen kann. Es ist nicht nur eine Kausalitätsfrage und es reicht nicht, wenige Einzelfälle von halbwegs gesunden Infizierten mit wenigen Einflußfaktoren zu untersuchen. Daraus wird man keine statistische Aussage für die Gesamtbevölkerung ableiten können. Für medizinische Studien ist die Fallzahlgröße und Randomisierung entscheidend. Wir brauchen die Methoden und das Fachwissen von Epidemiologen, erfahrenen Medizinern und Statistikern. Dafür reicht kein philosophisch-tiefgehendes Verständnis der Kausalzusammenhänge.

Die Behauptung, man könne gar keine brauchbaren Aussagen über die Kausalitätsbeziehung zwischen dem neuartigen Corona-Virus und den schweren Symptomen gewinnen, solange man nicht alle anderen möglichen Enflußfaktoren isoliert, ist Non-Sense. Das wäre nämlich nie zu 100%-er Zufriedenheit eines hartnäckigen Zweiflers möglich. Es gibt diese reinen Fälle ohne andere möglichen Einflüsse nie in der Realität.
Natürlich ist es wünschenswert, dem Ideal reiner Fälle näher zu kommen und den möglichen Einfluß anderer Faktoren zu minimieren, um Erkenntnis mit höherer Sicherheit zu gewinnen.
In der Absolutheit des Anspruchs ist es aber nur ein wertloses Totschlagargument und taugt nur dazu, sich der Diskussion zu entziehen.

Ignorieren wir alle Zahlen und schauen, was in Italien passiert ist. Allein die Tatsache, dass man wählen musste, wer behandelt werden kann und wen man unweigerlich sterben lassen musste, zeigt, dass Corona dazu geführt hat, dass etwas Außergewöhnliches passiert ist. Die Norditaliener waren für Norditalien durchschnittlich gesund. In Norditalien waren es durchschnittlich zu viele, die in Verbindung mit Covid-19 gestorben sind. Das Gesundheitssystem war überlastet und wäre es immer noch, wenn nicht die gravierenden Maßnahmen ergriffen worden wären.

#Was soll der Lockdown bringen? Wo sind die Toten und Erkrankten, die jetzt kommen müssten? Die kommen überhaupt nicht.

Ist der Einwand wirklich erst gemeint? Wenn der Autor mit hoher Geschwindigkeit auf eine enge Kurve zufährt, vor der Kruve noch abbremst und nach der Kurve feststellt, dass das Auto noch auf der Straße geblieben ist, schlußfolgert er dann auch, dass das Bremsen eigentlich nicht nötig gewesen wäre?

Nein, die Toten müssten nicht kommen. Das ist doch gerade der Zweck des Lockdowns gewesen.
Der Lockdown soll bewirken, dass die Anzahl der mit schweren Symptomen an Covid-Erkrankten pro Zeit so niedrig bleibt, dass alle intesiv betreut werden können, die das benötigen; und genau das wurde in Deutschland erreicht (wohlgemerkt: im Gegensatz zu anderen Ländern).
Warum sind dann viele Krankenhäuser nicht ausgelastet? Weil Krankenhäuser nicht nur aus Intensivstationen für Covid-Patienten bestehen. Warum sollte man erwarten, dass z.B. eine orthopädische oder gynäkologische Station durch die Covid-Situation belastet wird? Das Personal und die Ausrüstung sind nicht beliebig austauschbar.
Da nicht unbedingt notwendige medizinische Behandlungen verschoben wurden (aus folgenden zwei Gründen: 1. um die Ausbreitung des Virus durch den körperlichen Kontakt der Behandlung zu reduzieren 2. um im Falle von Komplikationen evtl. resultierende Intensivpatienten zu vermeiden), sind logischerweise die Bereiche, die sich nicht um Covid-Patienten kümmern, gegenüber sonstigen Zeiten eher unterfordert. Wäre etwas anderes zu erwarten gewesen?

#Jetzt wird es wärmer.

Ja. Und genau das war auch eine Absicht der Maßnahmen. Die gesamte Enwicklung der Pandemie sollte weiter in die warme Jahreszeit hineingeschoben werden, denn man vermutet, dass das Virus sich unter wärmeren Bedingungen schlechter ausbreiten wird. Die Kurve ist abgeflacht. Selbst wenn am Ende der Pandemie (da sind wir noch nicht) die Fläche unter der Kurve, d.h. die Gesamtzahl der Erkrankten, die gleiche wäre, hätte man doch bewirkt, dass das Gesundheitssystem nie überlastet wurde.

#Man versucht nicht, die Verbreitung eines Virus heraus zu finden, um dann die Gefährlichkeit zu beurteilen.

Doch. Das wurde z.B. durch Studien in Heinsberg und München versucht. Man hat einen repräsentativen Querschnitt der Gesamtbevölkerung untersucht, nicht nur Leute die irgenwelche Auffälligkeiten aufweisen. Die Ergebnisse muss man sich angucken und beurteilen. Problematisch ist, dass sich diese Untersuchungen immer noch auf zu kleine oder spezielle Stichproben beziehen, um repräsentativ für die gesamte Bundesrepublik zu sein; bzw. mit entsprechender Unsicherheit gehandhabt werden müssen.

#Auch bei Influenza hat man nie versucht statistisch zu erheben wie viele wirklich infiziert sind.

Warum kann man dann sinnvoll von einer Letalitätsrate bei Influenza sprechen, wenn man die Verbreitung des Virus statistisch gar nicht so genau untersucht?
Nur weil Covid-19 noch nicht so gut erforscht ist wie andere Erkrankungen, heißt es nicht, dass die Kennzahlen, die dafür erhoben werden, „völlig unbegründet“ sind. Klar ist, dass man für viele Kennzahlen erst die Entwicklung abwarten muss. Aber das heißt nicht, dass man so lange nichts tun und die Überlastung auf sich zukommen lassen sollte.
Von den Wissenschaftlern wurde offen zugestanden, dass die Zahlen unsicher sind, niemand hat versucht zu vertuschen, wie man auf die Zahl der Corona-Toten kommt. Von Anfang an hat man sich offen der Kritik gestellt. Die Zahl ist sehr unsicher, aber dass sie deutlich höher liegt als bei Influenza, sieht man schon an den bestätigten Fällen. Die Zahlen sind nicht „völlig unbegründet“. Sie haben einen großen Unsicherheitsfaktor und das gibt das RKI offen zu.

#Die Kliniken sind nicht überlastet.

Das ist *wegen* der Maßnahmen so. Woanders sind bzw. waren sie überlastet. In Norditalien, Madrid, New York, Moskau. Kein anderes Land der Welt hat so viele Intensivbetten pro Einwohner wie Deutschland. Aber es gab auch in deutschen Kliniken mehr Personalbedarf, um die Mitarbeiter in den Intesivstationen zu entlasten.

#Schlußworte

Wie erklärt man sich das Handeln der Regierung? Sind sie einfach nur dumm, das zu erkennen, was uns das Interview vermitteln will? Oder führen sie was im Schilde? Eine klare Antwort habe ich vermisst. Es wird nahe gelegt, dass es zumindest möglich ist, dass uns die Politiker bewußt oder unbewußt täuschen oder irreführen. Gute Absichten mit den Staatsbürgern könne man ihnen nicht unterstellen. Das gefügige Volk ist abergläubisch oder autoritätshörig. Den Menschen wird ganz schöne Naivität unterstellt. Man hat den Eindruck, jeder, der dem Interview nicht zustimmt, ist total blauäugig.

Die Maßnahmen der Regierung, die Aussagen des RKI und die Corona-Statistiken darf man ruhig mal in Frage stellen. Aber die Behauptung, dass sie schaden wollen oder schlechte Absichten haben, ist falsch.

Mein Schlußwort: Diese von oben verordnete Pause hat meiner Meinung nach der Menschheit auch gut getan. Da kann man mal darüber nachdenken, was wirklich wichtig ist, nicht nur für die Gesundheit und nicht nur für die Wirtschaft.