Zur Ausstellung „Du bist Faust“

Gestern war ich mit ein paar Freunden zu einer Führung durch die Faust-Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle. Wer von den Münchnern noch nicht da war, kann es noch bis Ende Juli nachholen, es ist sehenswert. Die Ausstellung hat mich beeindruckt. Sie ist auch sehr gut besucht; die Führung habe ich fast zwei Monate im Voraus buchen müssen. Ein paar Einblicke geben die Intros, auf die ich hier verweise: der Trailer der Kunsthalle und der Beitrag im heute-journal.

Das Bild, das uns die Führung vermittelt hat, dringt aus meiner Sicht nicht annähernd vor zu des Pudels Kern. Vielleicht ist ja der tragbare Audio-Guide besser (?) Unser Guide aus Fleisch und Blut gab jedenfalls kaum Anregungen in der Frage nach Gut und Böse und was den Menschen wirklich zu befriedigen vermag — „Zaubertranks“, Sex mit einer Minderjährigen und Party? ne!

Ich bin sicherlich nicht unvoreingenommen, weswegen mich seitdem eine andere Nebenfrage beschäftigt, nämlich warum bei der ganzen Geschichte (genauer gesagt, der Perspektive, die uns die Führung bot) nur die Kirche so schäbig wegkommt? Zwar ist es heute ein alter Hut und weder geistreich noch mutig, sie zu kritisieren – ganz anders war es in der Zeit als Goethe, und erst recht seine Vorläufer Spiess und Marlowe im 16. Jhdt., ihre Faust-Geschichten niederschrieben. Goethe versiegelte sein fertiges Manuskript und sperrte es in eine Schublade, das wegen des brisanten Inhalts seinem Wunsch gemäß erst nach seinem Tod veröffentlicht werden und weder aufgeführt noch illustriert werden sollte. Sicherlich kannte er das altbekannte in der Welt vorherrschende Prinzip: je mehr man etwas verbietet, desto sicherer ist es, dass es umgesetzt wird.

Gewiss gibt es gute Gründe, die Kirche zu kritisieren. In der Regel wird ja Gott kritisiert, der sich auf Händel mit dem Teufel einlässt. Davon war aber gestern kein Wort. Lohnt es etwa nicht, darüber nachzudenken? Und was ist eigentlich mit Faust oder Mephisto? Letzterer wurde uns durch sein auffallendes Äußeres geschildert und der Doctor durch seinen gehobenen Stand, an der mit Pelz besetzten Kleidung gut zu erkennen, seine Bildung und die Tatsache, dass er viel und weit gereist ist (- in Gedanken füge ich hinzu: weder verschaffte es ihm die ersehnte Erfüllung, noch ist er auch nur einen Schritt in der uralten Frage weiter gekommen, was denn die Welt im Innersten zusammen hält.) Dat war‘s. Mehr gibt es zu diesen Personen nicht zu sagen? Dass der etwa 20 (oder 30?) Jahre ältere Faust, angeleitet durch Mephi, ein etwa 14-jähriges Dienstmädchen mit wertvollen Schmuckgegenständen verführt, schwängert und sich dann absetzt, war keines Wortes der Kritik würdig. Umso mehr aber die Moral der Kirche, die solches missbilligte, aber nur noch Gretchens habhaft werden konnte, um sie sämtliche Konsequenzen des außerehelichen Verkehrs und anschließenden Kindesmords fühlen zu lassen, während Faust mit dem Teufel und dem von ihm zusammen getrommelten Hexen eine ausgelassene Party feiert, die Walpurgisnacht. Man kann annehmen, dass ihm sowieso kein einzig Haar gekrümmt worden wäre, wie ähnliche Erzählungen nahelegen, aus denen Goethe seine Inspiration bezog. Wie dem auch sei, das Böse wird den nicht retten, der es verübt.

In der Kunst wird das Gretchen-Motiv gerne so aufgegriffen, dass sie das Bild des „Ewig Weiblichen“ verkörpert, als rothaarige Hexe, femme fatale, verführerische Schönheit und Eitelkeit. Das ist ja auch viel interessanter und eine wahre Lust für das Auge des Betrachters – ganz anders als das Frauenbild, das für Gretchen Motiv stand. Aus demselben Grund passt es auch so gut, dass die Rolle des Mephisto von einer Frau gespielt wird.

Mal schauen, wenn ich Zeit und Gelegenheit habe, werde ich vielleicht noch mal in die Ausstellung gehen (montags zum halben Preis. Also nichts wie hin!). Oder zu einer der anderen Veranstaltungen des Faust-Festivals in München. Gewiss werden wir uns hernach nicht alle mit Faust identifizieren, genausowenig wie das vor ein paar Jahren geschah, als „wir sind Papst!“ oder „wir sind Charlie!“ ausgerufen wurde.